Osnabrück/Berlin

Osnabrücker Schule will verschleierte Muslimin nicht unterrichten

| Lesedauer: 4 Minuten
Julia Emmrich

Ein Gericht muss nun entscheiden, ob eine streng religiöse Schülerin mit Nikab am Unterricht teilnehmen darf. Es ist nicht der einzige Fall in Deutschland

Osnabrück/Berlin.  Das Sophie-Scholl-Abendgymnasium in Osnabrück legt viel Wert auf Toleranz. Erfolgreiches Lernen und Lehren, so heißt es in der Schulphilosophie, „sind nur möglich in einer Atmosphäre, die geprägt ist von Toleranz, Respekt, Solidarität und Zuverlässigkeit“. Doch diese Toleranz hat Grenzen. Die Schule weigert sich, eine muslimische Schülerin zu unterrichten, die mit Vollverschleierung am Unterricht teilnehmen will. An diesem Montag verhandelt das Verwaltungsgericht Osnabrück in nicht öffentlicher Sitzung über die Klage der Muslimin.

Der Streit zwischen Schülerin und Schule fällt mitten in die Burka-Debatte: Die Forderung der Landesinnenminister von CDU und CSU nach einem Verbot der Vollverschleierung in Schulen, bei Behördengängen oder im Straßenverkehr würde genau solche Fälle wie diesen regeln. Gäbe es das Verschleierungsverbot in Schulen und Universitäten bereits, müsste der Fall wohl gar nicht erst vor Gericht. Auch Niedersachsens SPD-Innenminister hält das Burka-Verbot in bestimmten Fällen für sinnvoll.

Die erwachsene Abendschülerin hatte im April die Zulassung zum Unterricht bekommen. 182 Schüler haben zum neuen Schuljahr am Sophie-Scholl-Gymnasium angefangen, viele machen hier das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Im Fall der muslimischen Schülerin widerrief die Schule aber die Zulassung, weil die Frau aus religiösen Gründen im Unterricht ihren Nikab-Schleier nicht abnehmen wollte. Der Nikab verdeckt das gesamte Gesicht der Trägerin, nur die Augen sind zu sehen. Die Muslimin hatte sich zwar bereiterklärt, den Schleier vor dem Unterricht im Beisein einer weiblichen Schulmitarbeiterin abzunehmen, um sich zu erkennen zu geben. Im Unterricht selbst aber wollte sie verschleiert bleiben. Für die Schule änderte das nichts – und auch die niedersächsische Landesschulbehörde sagt: Der Staat könne seinem Bildungsauftrag bei verschleierten Schülern nicht nachkommen. Offene Kommunikation, zu der auch Mimik und Körpersprache zählten, sei mit Gesichtsschleier nicht möglich. Zudem müsse die Schule in der Lage sein, die Anwesenheit der Schülerin zweifelsfrei erkennen zu können, erklärte eine Behördensprecherin.

Am Sophie-Scholl-Gymnasium wolle man jetzt abwarten, wie die Verwaltungsrichter entscheiden, sagt die stellvertretende Schulleiterin Hildegard Niehaus. Die Anhörung vor Gericht am Montag ist nicht öffentlich, die Klägerin soll nach dem Willen des Gerichts aber teilnehmen. Ob sie während der Verhandlung verschleiert bleiben darf, müssen die Richter entscheiden. Zur Feststellung ihrer Identität aber wird sie wohl ihr Gesicht zeigen müssen. Am Dienstag soll das Ergebnis der Verhandlung bekannt gegeben werden. Für das Osnabrücker Verwaltungsgericht sei das Verfahren das erste dieser Art, es seien aber noch weitere anhängig, sagte eine Gerichtssprecherin.

In Bayern gab ein Gericht vor zwei Jahren der Schule recht

Vor zwei Jahren hatte der Verwaltungsgerichtshof in Bayern in einem ähnlichen Fall der betroffenen Schule recht gegeben: Eine muslimische Schülerin hatte geklagt, weil sie nicht mit Nikab zum Unterricht kommen durfte. Die staatliche Berufsoberschule, bei der sie bereits aufgenommen war, hatte die Aufnahme wie im Osnabrücker Fall widerrufen, als sich die Schülerin weigerte, den Schleier im Unterricht abzunehmen. Die Richter argumentierten, dass es in der Schule nicht nur auf das gesprochene Wort, sondern auch auf nicht sprachliche Kommunikation ankomme. Das Recht der Schülerin auf freie Religionsausübung werde durch das Verschleierungsverbot „nicht in unzulässiger Weise begrenzt“, so das Gericht.

Ein anderer Streitfall liegt bereits zehn Jahre zurück: 2006 wollten zwei muslimische Schülerinnen der elften Klasse der Bonner Bertolt-Brecht-Gesamtschule vollständig verschleiert zum Unterricht kommen – der Schulleiter erteilte ihnen daraufhin ein vierzehntägiges Hausverbot. Die halbe Republik diskutierte infolge des Falls über Burkas, Nikabs und die Einführung einer Schuluniform an staatlichen Schulen in Deutschland. Eines der Mädchen entschied sich schließlich, künftig unverschleiert zum Unterricht zu kommen, das andere verließ die Schule.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos