Gaziantep/Istanbul

Eine Hochzeitsfeier wird zum Albtraum

| Lesedauer: 5 Minuten
Gerd Höhler

51 Menschen sterben beim Selbstmordattentat durch ein Kind. Eine schreckliche Premiere für die Türkei

Gaziantep/Istanbul.  Die Amateurvideos sind verstörend. Frauen laufen orientierungslos herum, Blutlachen sind auf dem Boden zu erkennen, zersplitterte orangefarbene Plastikstühle liegen herum. Auf ihnen haben wenige Minuten zuvor noch Verwandte und Freunde des Brautpaares gesessen. Sie waren zusammengekommen, um eine kurdische Hochzeit zu feiern, und wie es in der Türkei oft üblich ist, waren Nachbarn, Verwandte, Freunde und das ganze Stadtviertel dabei. Insgesamt sollen es 300 bis 500 Gäste gewesen sein.

Die Party fand auf der Straße in der südtürkischen Stadt Gaziantep statt, es war Sonnabendabend, als sich ein Attentäter inmitten all dieser feiernden Menschen in die Luft sprengte. Anschließend waren mindestens 51 Menschen tot und 69 weitere verletzt, darunter das Brautpaar. Medienberichten zufolge war es eine „Henna-Nacht“, also die Nacht vor der Hochzeit, zu der sich vor allem Frauen versammeln. Unter den Toten waren viele Frauen und Kinder.

Nach ersten Erkenntnissen war es auch ein Kind, das den Anschlag durchgeführt haben soll. Für die Türkei wäre dies eine schreckliche Premiere. Dass Minderjährige als Waffe eingesetzt werden, kannte man bisher aus dem Irak und Syrien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach davon, dass das Kind zwischen zwölf und 14 Jahre alt gewesen sei. Es blieb aber gestern zunächst unklar, ob es selbst den Zünder am Sprengsatz betätigte oder ob er womöglich ferngezündet wurde.

Erdogan machte am Sonntag auch sofort die Terrormiliz IS für den Anschlag verantwortlich. Erste Erkenntnisse deuteten darauf hin, sagte er. Die Regierung in Ankara hat den IS in den vergangenen Monaten schon für zahlreiche Attentate verantwortlich gemacht. Allerdings hat sich die Terrororganisation bis jetzt noch zu keinem dieser Anschläge in der Türkei bekannt. Erst im Juni hatten mutmaßliche IS-Selbstmordattentäter den Flughafen von Istanbul angegriffen und 44 Menschen getötet.

Erdogan erklärte, es gebe keinen Unterschied zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die im vergangenen Monat 70 Angehörige der Sicherheitskräfte ermordet hätte, der „Gülen-Terrororganisation“, die den Putschversuch vom 15. Juli inszeniert habe, und dem IS. Auch Ministerpräsident Binali Yildirim unterstrich, die türkische Gesellschaft werde „mit ihrem Zusammenhalt all diese teuflischen Attacken überstehen“.

Die IS-Terroristen kontrollieren weite Gebiete jenseits der syrischen Grenze, die nur etwa 35 Kilometer von der Stadt Gaziantep entfernt ist. Der IS hat in der Türkei schon wiederholt Anschläge auf kurdische Versammlungen verübt, so im Juli 2015 auf ein kurdisches Kulturfestival im südostanatolischen Suruc. Bei dem Attentat starben 34 Menschen. Auch unter den 102 Todesopfern des IS-Selbstmordanschlags auf eine Friedenskundgebung vor dem Bahnhof von Ankara im Oktober waren mehrheitlich Kurden.

Die Kurden haben dem IS mehrere Niederlagen bereitet

Dass der IS in der Türkei immer wieder die Kurden ins Fadenkreuz nimmt, hängt mit der Entwicklung im syrischen Bürgerkrieg zusammen. Im Norden Syriens, im Grenzgebiet zur Türkei, kämpfen die Kurden und der IS als unversöhnliche Feinde gegeneinander. Antiterrorexperten interpretieren die Anschläge des IS auf kurdische Ziele in der Türkei als Racheakte für die militärischen Erfolge der Kurden im Kampf gegen den IS in Syrien.

Die Kurdenmiliz YPG, der syrische Ableger der PKK, hat in den vergangenen Jahren dem IS immer wieder schmerzhafte Niederlagen zugefügt – etwa bei der Befreiung der Kurdenstadt Kobane im Januar 2015 oder jetzt mit der Rückeroberung der Stadt Manbidsch. Für die USA ist die Kurdenmiliz ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den IS. Entsprechend stark fielen nun die Solidaritätsbekundungen aus Washington aus. Am Mittwoch reist Vizepräsident Joe Biden nach Ankara.

Der Tatort Gaziantep wurde wohl nicht zufällig gewählt. Fast ein Fünftel der zwei Millionen Einwohner der gleichnamigen Grenzprovinz sind syrische Bürgerkriegsflüchtlinge. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Ende ­April Gaziantep besucht, um sich ein Bild von der Situation in den Flüchtlingslagern zu machen. Der Besuch fand unter allerhöchsten Sicherheitsvorkehrungen statt – denn die Provinzhauptstadt Gaziantep gilt als eine Hochburg des IS: So führten die Spuren der Hintermänner eines Anschlags, bei dem am 19. März dieses Jahres auf der Istanbuler Einkaufsstraße Istiklal Caddesi vier Menschen getötet wurden, nach Gaziantep. Und: In Gaziantep wurde im Juli 2015 der IS-Terrorist Ibrahim El Bakraoui festgenommen und nach Europa abgeschoben – einer der Attentäter, die sich am 22. März 2016 am Brüsseler Flughafen in die Luft sprengten.

( mit dpa )

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