Olympia

Für Rios Müllsammler sind die Olympischen Spiele weit weg

Olympia soll Glanz nach Rio bringen. Aber nicht überall. Ein Besuch bei Menschen auf der Mülldeponie am Rande der Segel-Wettbewerbe.

Jonathan und sein kleiner Sohn. Beide wurden auf dem Deponiegelände geboren.

Jonathan und sein kleiner Sohn. Beide wurden auf dem Deponiegelände geboren.

Foto: Andreas Nöthen

Rio de Janeiro.  Jonathan wurde an einem Ort geboren, den es offiziell überhaupt nicht gibt. Der 19-Jährige lebt schon immer in der Favela Jardim Gramacho, übersetzt "Garten von Gramacho". Ein Widerspruch, denn mit blühenden Landschaften hat das Leben hier nichts zu tun.

Hier, am Rande der ehemals größten Mülldeponie Lateinamerikas, leben alle Menschen im und vom Müll. Zwischen dem Abfall, den Pfützen und Tierexkrementen erscheinen die bevorstehenden Olympischen Spiele wie auf einem anderen Planeten, auch wenn sie nur ein paar Kilometer entfernt ausgetragen werden. Für Jonathan werden diese Spiele nur in einem alten Fernseher stattfinden, wenn überhaupt.

Die Menschen in Jardim Gramacho sind weit genug weg, am Rande der Nordzone, in Sichtweite einer Petrobras-Raffinerie. Sie stören den Olympiarummel nicht. Für die ersten Olympischen Spiele auf dem südamerikanischen Kontinent wurden in Rios Innenstadt ganze Stadtviertel umgeplant und neu gestaltet, Schmuddelecken einfach wegrenoviert.

Segelrevier ist völlig verdreckt

Die Deponie nicht. Obwohl sie unmittelbar an die Guanabara-Bucht grenzt. Dort werden die olympischen Segelwettbewerbe ausgetragen. Im Wasser der eigentlich malerischen Bucht schwimmt so ziemlich alles, was einem den Spaß am Wassersport verleiden könnte: Ungefilterte Abwässer der etwa 10 Millionen Einwohner des Staates Rio de Janeiro, giftige Industrieabfälle, Haus- und Sperrmüll. Sportler eines amerikanischen Segelteams, das vergangenes Jahr die Bedingungen erkundete, klagten anschließend über Übelkeit.

Jonathan wird nicht so schnell übel. Er lebt von dem, was die Deponie ihm gibt. Er ist ein Catador, ein Müllverwerter, und arbeitet für eine kleine Kooperative, die am Rande der Deponie Bauschutt sortiert. In der Kooperative haben sich die Müllverwerter zu einer Art Genossenschaft zusammengeschlossen.

Überall nur Müll

Jonathan lebt mit seiner Frau und seinem Kind in einer rund 15 Quadratmeter großen Hütte, zusammengezimmert aus Brettern, Pappe, Folien. Dunkel ist es darin. Im TV flimmert eine Telenovela, der Kühlschrank neben der Eingangstür brummt. Strom gibt es hier, immerhin.

Vor der Bude, auf der Straße, überall: Müll. An jeder Ecke laufen streunende Hunde und Katzen herum. Die Tiere sind von Ungeziefer befallen und abgemagert. Auch sie müssen ums Überleben kämpfen.

Hinter dem Haus dasselbe Bild. Trotzdem will Jonathan nicht weg. Obwohl er zur Minderheit hier zählt, die Arbeit haben, deren Geld womöglich für ein Leben in einer etwas besseren Communidade, das neue Wort für Favela, reichen würde. "Ich bin hier geboren, ich fühle mich wohl hier", sagt er.

Müllentsorgung im Mangrovensumpf

Der Ort Gramacho ist in Rio bekannt, jeder kennt die frühere Deponie. 25 Jahre lang wurden hier die Abfälle hingekarrt. Anfangs kippte man sie einfach in den Mangrovensumpf, der sich ursprünglich an der Stelle der Deponie befand.

"Es gibt mit Sicherheit schönere Segelreviere", sagte der deutsche Olympiasegler Philip Buhl der "Welt" in einem "Gefährlicher Wettbewerb" betitelten Beitrag . "Aber es gibt keine schöneren Wettkämpfe als Olympia. Von daher muss ich da jetzt durch." Auch mit dem Boot durch den Schmutzteppich auf der Wasseroberfläche, gut zu sehen auf den Aufnahmen von seinem Training in der Bucht. Er versuche eben, möglichst wenig Wasser zu schlucken,

Die Deponie wuchs im Laufe der Jahre auf 100 Meter Höhe an, auf einer Fläche so groß, dass das Maracana-Stadion, das größte Fußballstadion der Welt, 20 Mal hinein gepasst hätte. Bis zu 1700 Catadores arbeiteten dort früher offiziell, als Teil der rudimentären Recyclingkette. Inoffiziell sollen es doppelt so viele gewesen sein.

Deponie wurde wegen UN-Konferenz geschlossen

Jonathans Siedlung auf der Müllkippe dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben. Im Juni 2012 wurde die Deponie offiziell dicht gemacht. Der UN-Gipfel Rio+20 zu nachhaltiger Entwicklung stand vor der Tür, die WM war in Sichtweite. Die Stadtverwaltung Rios hatte festgestellt, dass die Deponie in einem Mangrovengebiet lag und es sich da um ein Umweltverbrechen handelt. Schlecht fürs Image eines UN-Weltgipfel-Gastgebers. Die Deponie wurde flugs versiegelt. Die offiziellen Müllsammler erhielten eine Abfindung von 14.000 Reais pro Nase, etwa 3200 Euro. Das war's. Die Menschen aber blieben.

Und auch der Deponiebetrieb lief weiter. Im kleineren Stil und illegal, nun nicht mehr unter Federführung des Staats Rio de Janeiro, sondern der Drogenkartelle. Hier, im Jardim Gramacho, hat das Commando Vermelho das Sagen. Die Buchstaben "C.V." sind überall gut sichtbar abgesprüht. Supermärkte etwa zahlen hier etwas weniger für die Entsorgung ihrer Lebensmittel. Das Kartell sortiert dann aus, was noch verwertbar ist.

Es gibt aber auch die Menschen wie Jonathan, die auf legalem Weg ihren Lebensunterhalt verdienen. Das sind die wenigen Lichtblicke von Jardim Gramacho. Der überwiegende Teil der Menschen hat kein geregeltes Einkommen.

Franziskanerbruder war entsetzt

Bruder Paolo vom Franziskanerorden war entsetzt, als er auf die Lebensumstände stieß. Paolo leitet im Stadtteil Tijuca ein Krankenhaus und ist inzwischen so etwas wie der gute Geist der Deponie geworden. Weitere Helfer unterstützen ihn, das deutsche katholische Hilfswerk Adveniat fördert seine Arbeit ebenfalls.

Die erste Berührung mit den Menschen der Deponie hatte der Geistliche, als im Krankenhaus Medikamente und Lebensmittel weggeworfen werden mussten. Was damit sei, fragte ihn ein Mann. "Die müssen wir wegwerfen, die sind abgelaufen", antwortete der Mönch. Der Mitarbeiter fragte, ob er die Sachen mit nach Hause nehmen könne. Dort, wo er herkomme, seien die Sachen Gold wert. Bruder Paolo wurde hellhörig. Die Medikamente gab er nicht heraus, er versprach aber, sich ein Bild von der Situation der Menschen zu machen.

Er sah Hütten aus Pappe, Folien, Brettern. Fäkalien landen in selbstgebuddelten Sickergruben oder gleich auf der Straße. Er traf auf Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser oder zu einer ärztlichen Mindestversorgung. Schnell wurde ihm klar, dass dort etwas geschehen muss.

"Wir merkten, dass wir viel grundlegender ansetzen müssen", sagt der Mönch. In der Krankenhausbelegschaft, aber auch bei anderen Orden, fanden sich schnell Freiwillige, die helfen wollten. Seither fährt einmal im Monat, immer samstags, ein Reisebus nach Jardim Gramacho. Im Gepäck haben die Helfer Medikamente, die durch Spenden finanziert sind, Kleidung, Spielzeug und Lebensmittel. Auf einem Bolzplatz, gleichzeitig eine Art Dorfplatz, wird dann eine Art Zelt errichtet. Später wird dort die Kleidung verteilt und auch ein Gottesdienst gefeiert.

Zika-Aufklärung mit Mücken-Masken

Ein paar Schritte weiter versucht man, den Kindern in einem kleinen Theaterstück die Gefahren des Zika-Virus näher zu bringen. Einige setzen sich Masken auf, sie spielen die böse Stechmücke, vor der es sich zu schützen gilt.

Andere Helfer bieten einen Friseurdienst an. Vor den Klapptischen der Ärzte und Krankenschwestern bilden sich die längsten Schlangen, vornehmlich aus Müttern mit Kleinkindern – für die Menschen hier ist es die einzige Chance, dass sich ein Fachmann ihrer Krankheiten annimmt.

Die Arbeit von Bruder Pedro steht unter Beobachtung der Drogenmafia, in Brasilien wird von Helfern berichtet, die sich alles, was sie tun, von dem örtlichen Kartell absegnen lassen müssen. Bruder Pedro lässt man gewähren, offenbar schätzt man auch in Mafiakreisen die Arbeit des Franziskaners.

Jonathans gut einjähriger Sohn stapft fröhlich durch das lebhafte Treiben, wenn der Bus mit den Franziskanern auf der Deponie eintrifft. Für ihn ist der Besuch aus der Stadt immer eine Attraktion. Auch Jonathan kommt dann auf den Bolzplatz. Viel mehr Freizeitvergnügen bleibt ihm hier auch nicht, am Rande der Mülldeponie, weit weg von den Spielstätten, wo in ein paar Tagen die Olympischen Spiele das Bild eines sauberen, modernen, wohlhabenden Rios zeichnen sollen.

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