Schwerin

Sellering kämpft gegen den drohenden Absturz

SPD stehen bei Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern herbe Verluste bevor. Umfragen sehen vier Parteien in etwa gleichauf

Schwerin. Wahlplakate neben Badelaken, Infostände neben Eiswagen: Mecklenburg-Vorpommern wählt am 4. September ein neues Parlament. Mit der AfD kandidiert dort erstmals eine rechtspopulistische Partei, die sich anders als die NPD wohl nicht marginalisieren lassen wird. 19 Prozent fuhr die Alternative für Deutschland bei der jüngsten Umfrage des Instituts Insa ein. Damit war sie gar nicht mehr so weit entfernt von SPD und CDU, die momentan die Regierung stellen.

Die Regierungsbildung dürfte nicht leicht werden, wenn es im Landtag – mit der Linken – vier annähernd gleich starke Fraktionen geben sollte. „Es ist durchaus denkbar, dass Mecklenburg-Vorpommern demnächst von einer Koalition regiert wird, die es so hier noch nie gegeben hat“, sagt Martin Koschkar, Politikwissenschaftler der Universität Rostock. Besonders viel zu verlieren hat die SPD. 35,6 Prozent der Stimmen bekamen die Sozialdemokraten bei der Landtagswahl 2011. Von diesem Wert sind sie weit entfernt. Und das, obwohl der Ministerpräsident und SPD-Spitzenkandidat Erwin Sellering nach wie vor beliebt ist im Land, weitaus beliebter jedenfalls als Innenminister Lorenz Caffier, sein CDU-Kontrahent. Gebetsmühlenartig sagt Sellering immer wieder, dass seine Partei erneut stärkste Fraktion im neuen Landtag werde.

Auch Politikwissenschaftler Koschkar glaubt: „Die SPD kann es noch schaffen, wieder stärkste Fraktion zu werden.“ Derzeit gebe es noch eine Entkoppelung zwischen den Zustimmungswerten von Sellering und der SPD. Der Sozialdemokrat werde hauptsächlich als Ministerpräsident wahrgenommen. „Die Partei wird versuchen, das mit einer Kampagne zu drehen, die Sellering in den Mittelpunkt stellt“, sagt Koschkar. Trumpfkarte der Christdemokraten ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Nordosten ihren Wahlkreis hat. Mecklenburg-Vorpommern ist also gewissermaßen Merkels Wohnzimmer. Noch viermal wird die Kanzlerin bis zum Wahltag dort auftreten. Weitere prominente Unions-Politiker haben Auftritte zugesagt. Ob es hilft?

Die AfD wird eine entscheidende Rolle spielen bei der Wahl im Nordosten. Nach Koschkars Einschätzung mobilisiert sie unterschiedliche Wählerschichten. Der Slogan „Merkel muss weg“ funktioniere auch in Mecklenburg-Vorpommern. „Außerdem haben die Ergebnisse der Landtagswahlen im März der Partei auch hier Auftrieb gegeben“, sagt er. Hinzu komme eine Protesthaltung „gegenüber denen da oben“. Dieses Protestpotenzial habe die Linke teilweise verloren.

Das alles eröffnet politischen Spekulationen ein weites Feld. Eine Koalition mit der AfD und der NPD schließen momentan alle Parteien aus. Dreierkoalitionen sind denkbar, beispielsweise könnten SPD, Linke und Grüne zusammengehen. Auch die FDP könnte eine Rolle spielen, falls sie in den Landtag kommt. Und weiterhin bleibt eine Große Koalition möglich, eventuell mit geänderten Vorzeichen: CDU stärkste Fraktion, SPD wird zum Juniorpartner. Zuletzt hatte es das 1994 gegeben.