Berlin

Die Mietpreise spalten das Land

Studie: Im Schnitt sind Wohnungen zuletzt erschwinglicher geworden. Aber nicht in den Städten

Berlin.  Glücklich, wer in Dingolfing-Landau wohnt. In dem Landkreis in Niederbayern ist nicht nur die Arbeitslosenquote mit 2,7 Prozent vergleichsweise gering, sondern die Einwohner können sich mit ihrem Gehalt auch die größten Wohnungen in Deutschland leisten. Wer ein Viertel seines verfügbaren Einkommens auf den Tisch legt, bekommt dafür eine Mietwohnung von 126 Quadratmeter. Eindeutig im Nachteil sind dagegen die Bürger in Trier. In der Studentenstadt erhalten die Einwohner im Schnitt nur 59 Quadratmeter – eine so geringe Fläche wie in keiner anderen Stadt.

Selbst die Berliner bekommen im Durchschnitt immerhin 68 Quadratmeter, wenn sie ein Viertel ihres Lohns für die Miete ausgeben. Und dennoch zählen auch die Hauptstädter bundesweit zu jenen, die fürs Wohnen besonders tief in die Tasche greifen müssen.

Die Beispiele zeigen, wie Durchschnittswerte große Unterschiede verwässern können. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stiegen die Mieten in den vergangenen sechs Jahren weniger stark als die verfügbaren Haushaltseinkommen. Konkret verteuerten sich die Mieten in der Zeit durchschnittlich um 10,2 Prozent, während die Einkommen um 11,5 Prozent kletterten.

Zwei Quadratmeter mehr als vor sechs Jahren

Ein privater Haushalt kann sich damit heute durchschnittlich eine Wohnung von 94 Quadratmetern leisten, sofern er ein Viertel seines Einkommens dafür ausgibt. Dies sind zwei Quadratmeter mehr als noch vor sechs Jahren, so die Wissenschaftler. Und davon gibt es laut Studie viele: Nur in einem Viertel aller Kreise und Städte kann sich ein Durchschnittshaushalt weniger Wohnfläche leisten als im Jahr 2010. In der IW-Studie werden die Wohnkosten in den Städten den jeweils regionalen Durchschnittseinkommen gegenübergestellt.

Die Unterschiede zwischen den Regionen sind groß. Generell gilt, dass das Leben auf dem Land in der Regel günstiger ist als in Städten – aber auch nicht überall. Die größten Wohnungen können sich im Schnitt die Bürger im ländlichen Raum leisten. Am angespanntesten ist die Situation in Großstädten und Ballungszentren sowie in Studentenstädten. Dies gilt unter anderem für Berlin, Hamburg, Stuttgart, Dortmund, Münster oder Würzburg. Hinzu kommen zum Teil enorme Mietsteigerungen, die sich auf wenige Orte konzentrieren, sagt IW-Immobilienexperte Ralph Henger.

In der Hauptstadt seien die Mieten seit 2010 um 26 Prozent gestiegen. Hintergrund sei der starke Zuzug. In den vergangenen sechs Jahren wuchs Berlin um 240.000 Einwohner. Da die Kaufkraft mit den neuen Hauptstädtern nicht im selben Maße stieg wie die Preise, könnten sich Mieter weniger Wohnraum leisten. Aber auch in München kletterten die bereits hohen Mieten weiter um 14 Prozent und in Hamburg um zwölf Prozent. So können sich sowohl in Hamburg, Frankfurt, München oder Stuttgart die Bürger nur unterdurchschnittlich große Wohnungen leisten. Aber auch in den Studentenstädten müssen sich die Bürger mit kleineren Räumen begnügen. In Freiburg kann sich gerade mal 61 Quadratmeter leisten, wer ein Viertel seines Gehalts für die Miete ausgibt.

„Das einzig wirksame Mittel gegen Wohnungsknappheit in den Ballungsregionen lautet: bauen, bauen, bauen“, sagt Axel Gedaschko, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, dieser Zeitung. Deutschland brauche insgesamt 400.000 neue Wohnungen pro Jahr insbesondere in den Großstädten. „Nur ein größeres Wohnungsangebot kann langfristig dafür sorgen, dass sich die engen Märkte entspannen und der Mietenanstieg dort gebremst wird.“

Auch der Deutsche Mieterverbund (DMB) sieht keine Entspannung im Markt. „Die Wohnungsmärkte in Großstädten, Ballungsgebieten und Universitätsstädten funktionieren nicht“, sagte DMB-Bundesdirektor Lukas Siebenkotten. Nach Berechnungen des Verbandes sind in Großstädten – wie Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart – allein im ersten Halbjahr 2016 um rund sechs Prozent gestiegen. Deutschland brauche vor allem bezahlbare Mietwohnungen, fordert Siebenkotten: „Ohne Eingriffe der Politik werden die Wohnungsmärkte die Probleme der Wohnungsknappheit und der steigenden Mieten nicht lösen.“

Zudem kritisiert der Mieterverbund, dass die vielerorts in Kraft getretene Mietpreisbremse nicht ausreichend funktioniere. „Wir brauchen eine Sanktion für Vermieter, die sich nicht an die gesetzlichen Regelungen halten. Zumindest sollte der Vermieter verpflichtet werden, die überhöhte Miete von Beginn des Mietverhältnisses an zurückzuzahlen.“ Das Problem hat auch Justizminister Heiko Maas (SPD) erkannt: Er erwägt, das bestehende Recht zu verschärfen.