Sirte

Vom IS befreite Städte feiern in ungewisse Zukunft hinein

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Martin Gehlen
Nach dem Rückzug des IS kann der lange Bart ab: Bewohner in Manbidsch feiern das Ende der Herrschaft der Terrormiliz Islamischer Staat

Nach dem Rückzug des IS kann der lange Bart ab: Bewohner in Manbidsch feiern das Ende der Herrschaft der Terrormiliz Islamischer Staat

Foto: RODI SAID / REUTERS

Der „Islamische Staat“ ist auf dem Rückzug, auch im syrischen Manbidsch. Die Menschen jubeln, doch viele Konflikte bleiben bestehen.

Kairo.  Wie sich die Bilder gleichen. In Sirte jubelten die jungen Sieger, fuhren hupend mit ihren Geländewagen durch die Stadt und hissten die libysche Flagge über dem bisherigen IS-Kommandozentrum am Mittelmeer. In der syrisch-türkischen Grenzstadt Manbidsch ließen sich freudestrahlend Frauen und Männer fotografieren, die einen demonstrativ mit Zigaretten im Mund, die anderen beim Abrasieren ihrer Zwangsbärte. Andere verbrannten auf der Straße ihre Gesichtsschleier, die alle Frauen in der Stadt unter der IS-Tyrannei zu tragen hatten.

3000 Kilometer liegen zwischen den beiden letzte Woche befreiten Städten, in denen die Kreuzigungsbalken am Hinrichtungsplatz noch von der Schreckensherrschaft der Gotteskrieger zeugen. „Möge Gott sie alle vernichten. Sie haben uns abgeschlachtet“, schrie ein junger Mann an dem Ort, an dem viele Bewohner geköpft, verstümmelt oder ausgepeitscht wurden.

Ein Video zeigt diese Szene. Zu sehen sind Bewohner von Manbidsch, die die Befreiung vom IS und das Verbrennen eines Gesichtsschleiers feiern. Im gleichen Atemzug werden allerdings auch antisemitische Parolen gerufen.

Einnahmen aus Ölschmuggel schwinden wegen Preisverfall

Wie in Sirte, führte auch in Manbidsch am Ende die gleiche Kriegstaktik zum Erfolg. Eine lokale Streitmacht im Verbund mit westlichen Spezialkommandos griff die Extremisten am Boden an, aus der Luft unterstützt von US-Kampfjägern. Bereits am Wochenende kehrten Tausende zuvor geflohene Einwohner in ihre Häuser zurück und öffneten ihre Läden. In der Schlacht um Manbidsch starben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 299 Angreifer und 1019 Dschihadisten, in Sirte kamen 300 Angreifer ums Leben und wurden fast 2000 verletzt.

Der IS hängt in den Seilen, jubelt in Washington das Pentagon. Auch wenn diese Einschätzung reichlich forsch klingt, die Eroberung von Sirte und Manbidsch sind wichtige Etappen auf dem Weg zum Ende des „Islamischen Kalifats“. Die IS-Pläne, in Libyen ein islamistisches Imperium zu errichten und von dort aus Europa zu bedrohen, sind mit dem Fall von Sirte gescheitert. Durch die Eroberung der syrischen Grenzstadt Manbidsch hat die IS-Führung in Rakka ihre wichtigste Nachschubroute für Rekruten aus Europa und Waffen aus der Türkei verloren.

Gotteskrieger fliehen und werfen ihre Waffen weg

Zuvor hatte die irakische Armee die Extremisten bereits aus Ramadi und Falludschah vertrieben. Im Nordirak eroberten die Peschmerga Sindschar und das Sindscha-Tal zurück und kappten so die Verbindungsader zwischen den beiden IS-Hochburgen Rakka und Mossul. Am Wochenende rückten kurdische Streitkräfte weiter auf Mossul vor, um die Millionenstadt komplett zu umzingeln, in der Abu Bakr Al-Baghdadi im Juni 2014 sein „Islamisches Kalifat“ ausrief.

Dessen Territorium schrumpft, die Moral der Gotteskrieger wankt, weil sie sich seit Monaten permanent auf dem Rückzug befinden. Die Ausländer unter ihnen fliehen in Konvois in die verbliebenen Kalifatsgebiete. Die Einheimischen werfen einfach ihre Waffen weg und mischen sich unter die Zivilbevölkerung. Die Finanzen schwinden, weil die Dschihadisten immer weniger Untertanen haben, denen sie Steuern abpressen können. Der einst lukrative Ölschmuggel ist dezimiert durch niedrige Weltmarktpreise und konstante Luftangriffe auf Tankwagen. Obendrein bahnen sich zwischen den USA und Russland sowie zwischen der Türkei, dem Iran und Russland schlagkräftige Anti-IS-Bündnisse an, auch wenn diese Staaten sich ansonsten im syrischen Bürgerkrieg als Feinde gegenüberstehen.

Kein Grund zur Entwarnung

Und so ist der absehbare IS-Niedergang Anlass zum Aufatmen, nicht aber Grund zur Entwarnung. Denn die Probleme in Libyen, Syrien und Irak, die den mörderischen Gotteskriegern vor zwei Jahren ihre rasante Expansion erlaubten, existieren fort. Kaum ist die Terrormiliz aus Sirte vertrieben, eskaliert bereits wieder der Streit zwischen der Nationalen Einheitsregierung in Tripolis und ihren Machtrivalen im Osten – diesmal um die Einnahmen aus den angekündigten Ölexporten.

In Syrien tobt der Bürgerkrieg härter denn je, und die Kurden kochen ihr eigenes Süppchen. In Iraks Hauptstadt Bagdad liegen Parlament und Regierung seit Monaten lahm. Zudem hat der schiitisch dominierte Machtbetrieb weder den Willen noch die Einsicht, der sunnitischen Minderheit eine Distanzierung vom IS durch politische Kompromisse schmackhaft zu machen. Auch könnte der Waffengang mit dem IS schon bald abgelöst werden durch eine militärische Konfrontation zwischen der irakischen Armee und kurdischen Peschmerga, sollte der Nordirak seine Unabhängigkeit erklären.

Nächste Terrorschauplätze zeichnen sich bereits ab

Für Europa sind das keine wirklich guten Nachrichten. Die Zahl der Fluchtwilligen aus den ramponierten arabischen Staaten wird weiter hoch bleiben. Die Gefahr von Anschlägen steigt – durch zurückkehrende Dschihadisten oder radikale Rekruten, die sich nicht mehr ins Kalifat durchschlagen können. Die Virulenz der mörderischen IS-Ideologie ist nur schwer einzudämmen und wird die Welt noch lange beschäftigen. Denn je mehr der IS in seinem mesopotamischen Kerngebiet unter Druck gerät, desto stärker metastasiert er in andere zerrüttete Regionen. Die nächsten Terrorschauplätze zeichnen sich bereits ab – Kaukasus, Bangladesch, Philippinen, Pakistan und Afghanistan.