US-Präsidentschaftswahl

Was passiert, wenn Donald Trump plötzlich hinwirft?

Sollte Donald Trump als Kandidat hinwerfen, haben die Republikaner keinen Ersatz parat. Und ein solches Szenario wird wahrscheinlicher.

In seiner Partei immer isolierter: der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

In seiner Partei immer isolierter: der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Foto: Cristobal Herrera / dpa

Washington.  14 Millionen Stimmen und knapp 1700 Delegierte – das war die beeindruckende Bilanz für Donald Trump nach den Vorwahlen der Republikaner in Amerika. Ein abenteuerlich anmutendes Szenario, über das im Präsidentschaftswahlkampf immer häufiger spekuliert wird, schiebt nun eine ganz andere Zahl in den Vordergrund: 168. So viele Mitglieder hat das Nationale Komitee der Republikaner (RNC). Es müsste auf den Plan treten, wenn Trump vor dem Wahltag am 8. November vorzeitig aufgibt oder – wie viele Konservative ernsthaft fordern – wegen Unfähigkeit aus dem Rennen genommen wird. Was ein beispielloser Vorgang in der amerikanischen Geschichte wäre. Fakt ist: Bis Anfang September muss die Frage geklärt sein. Danach hätte ein Ersatzkandidat keine Chance mehr, in allen Bundesstaaten auf die Wahlzettel zu kommen. Sowohl Trump als auch die republikanische Parteispitze dementieren die Existenz solcher Gedankenspiele. Dabei sind die nicht zu übersehen.

Auf die Frage, ob er sich in seinen künftigen Auftritten mäßigen werde, um nicht weitere Wählergruppen zu verprellen, sagte Trump zuletzt: „Ich werde weiter das machen, was ich jetzt mache. Entweder reicht es am Ende oder ich werde einen sehr, sehr schönen langen Urlaub haben.“ Weil Trump außerdem erstmals einräumte, dass seine Kampagne selbst in sicheren Republikaner-Hochburgen (Utah, Georgia etc.) erhebliche Akzeptanzprobleme hat, schlossen US-Kommentatoren auf eine vorzeitiges Aus. Der New Yorker Unternehmer nährte zudem die Vermutung, einer Niederlage zuvorkommen zu wollen. Falls seine Rivalin Clinton im umkämpften Pennsylvania gewinnt, sagte er am Wochenende, wäre das nur durch „Wahlbetrug“ zu erklären. Der für seine Unbeherrschtheit bekannte Geschäftsmann legt nach jedem Fehltritt nach. Frisches Beispiel: Seine auch von vielen Republikanern als verleumderisch empfundene Behauptung, Präsident Obama und Konkurrentin Clinton seien die „Gründer“ des Terrornetzwerks „Islamischer Staat“ (IS), fing Trump damit ein, es habe sich um „Sarkasmus“ gehandelt. Am Sonnabend zog er das zurück: „Obama hat den Islamischen Staat gegründet.“

Vielen Republikaner dämmert: Trump als Präsident undenkbar

Die Zahl der Parteipromis, die öffentlich vor „ihrem“ Kandidaten warnen, steigt täglich. 50 ehemalige Regierungsverantwortliche der „Grand Old Party“ warnen vor dem „Sicherheits-Risiko Trump“ für den Weltfrieden. Ihm die Verfügungsgewalt über den Einsatz von Atomwaffen zu übertragen, sei „unverantwortlich“. 70 einflussreiche Funktionäre aus dem Mittelbau verlangen, dass die Partei Trump unverzüglich jede finanzielle und ideelle Hilfe entzieht. Begründung: „Wir glauben, dass Donald Trumps spalterische Haltung, Rücksichtslosigkeit, Inkompetenz und rekordverdächtige Unbeliebtheit diese Wahl in einen Erdrutsch für die Demokraten verwandeln können.“ Dahinter steht die Furcht, dass etliche Republikaner, die sich im Senat und im Repräsentantenhaus ebenfalls am 8. November zur Wahl stellen müssen, in den Negativsog Trumps geraten und ihre Wahlkreise verlieren.

Trump hat in drei Monaten seine Wahrnehmung im Wahlvolk kolossal durch eigenes Fehlverhalten gedreht. Mitte Mai lag er noch mit 46 zu 44 Prozent vor Clinton. Am Wochenende stand die Bilanz auf dem Kopf: 50 zu 42 Prozent im Landesdurchschnitt für die Demokratin. Noch schlimmer sieht es in Wechselwähler-Bundesstaaten wie Ohio, Virginia, Florida und Colorado aus, die Trump unbedingt für sich entscheiden muss. Hier hat die demokratische Herausforderin Vorsprünge von bis zu 13 Prozent.

Clintons Einkünfte mit 43 Prozent besteuert

Donald Trumps Lieblingsvorwurf an seine Rivalin geht so: Hillary Clinton ist „crooked“; also betrügerisch. Er selbst bezeichnet sich als „Mann, der nur die Wahrheit spricht“. Bezogen auf seine finanziellen Verhältnisse macht der Milliardär eine Ausnahme. Während Clinton gerade ihre Steuererklärung veröffentlicht hat, ein im US-Wahlkampf übliches Mittel der Vertrauensbildung, weigert sich Trump mit Verweis auf laufende Prüfverfahren. US-Medien und Steuerexperten sind der Überzeugung, dass Trump mit seinem Markenimperium durch geschicktes Verteilen von Abschreibungen, Zinsen und Kosten „keine oder so gut wie keine Steuern zahlt“. Sollte sich das bewahrheiten, wäre seine Glaubwürdigkeit – er kündigt den oberen Zehntausend höhere Belastungen an – dahin. Die Messlatte liegt bei knapp 43 Prozent. So hoch war die Steuerbelastung im vergangenen Jahr bei Hillary und Bill Clinton. Ihre Einkünfte: knapp zehn Millionen Dollar.

Spätestens am Labor Day, der am 5. September den Auftakt der heißen Wahlkampfphase markiert, „muss Trump den freien Fall in den Umfragen abgebremst haben“, sagen Wahlforscher. Verfestigen sich seine Negativwerte bis dahin, müsse ihm in den drei Fernsehdebatten ab dem 26. September gegen Hillary Clinton „schon ein Wunder gelingen, um die Stimmung noch zu drehen“. Wenn er denn überhaupt daran teilnimmt. Trump will es davon abhängig machen, ob ihm die Moderatoren genehm sind. In der Zwischenzeit basteln kleine Zirkel bei den Republikanern weiter an Plan B: ein Last-Minute-Ersatzkandidat für Donald Trump. Wer es machen würde? Das ist die 100-Millionen-Dollar-Frage.

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