Kairo

„Islamischer Staat“ steht in Libyen vor dem Ende

Regierungstruppen erobern Hauptquartier der Terrormiliz

Kairo. Stolz und strahlend posieren die Angreifer mit der libyschen Flagge für die Siegerfotos. Ihre Geländewagen mit aufgepflanzten Maschinengewehren parken vor dem einstigen Ouagadougou-Konferenzzentrum in Sirte. Im Juni 2015 machte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) den weitläufigen Komplex mit seinen unterirdischen Bunkern zum Hauptquartier, aus dem die Terrormiliz jetzt nach wochenlangen Kämpfen vertrieben werden konnte. „Sirte kehrt nach Libyen zurück“, posteten die Kämpfer auf Facebook.

„Die Schlacht um Sirte geht in die entscheidende Phase“, erklärte General Mohamad Ghassri, der Sprecher der Milizionäre. Denn noch gibt es nach Berichten lokaler Medien Gefechte mit versprengten IS-Kommandos in einigen Wohnvierteln. Doch die meisten Dschihadisten sind tot, verletzt, festgenommen oder geflohen. Ihr Versuch, am Mittelmeer ein Ersatzkalifat zu errichten, steht vor dem Scheitern, ein weiterer schwerer Rückschlag für die Anhänger des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi.

Der Nationalen Einheitsregierung von Tripolis, die durch Vermittlung der Vereinten Nationen zustande kam, gibt der Erfolg in Sirte wichtigen Auftrieb. Erst vor zwei Wochen hatte Premierminister Fayez al-Sarraj Washington um Luftunterstützung für seine Truppen gebeten. Seitdem greifen US-Kampfjets und Drohnen neben Syrien und Irak nun auch in Libyen systematisch Stellungen des IS an. Die Piloten zerstörten bei den etwa 30 Einsätzen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie mindestens ein mit Sprengstoff präpariertes Auto, bevor es die Linien der libyschen Milizen erreichen konnte.

Unterstützt werden die Streitkräfte am Boden auch von amerikanischen, britischen, französischen und italienischen Spezialtruppen, obwohl jede westliche Militärpräsenz auf libyschem Boden bei der einheimischen Bevölkerung sehr unpopulär ist. Ende Juli distanzierte sich die Nationale Einheitsregierung öffentlich von Paris, nachdem ein Armeehubschrauber nahe Benghazi mit drei Mitgliedern des französischen Auslandsgeheimdienstes an Bord abgestürzt war.

Nach dem Erfolg in Sirte jedoch könnte in Libyen die Konfrontation zwischen der international anerkannten Regierung in Tripolis und der Gegenregierung in Tobruk neu eskalieren. Auslöser könnte der Zank um das Ölterminal ­Zueitina westlich von Benghazi werden.