Terrorismus

Kanadische Polizei vereitelt bevorstehenden Terror-Anschlag

Nach einem Tipp des FBI haben Einsatzkräfte in Kanada einen IS-Sympathisanten getötet. Es wurde womöglich ein Attentat verhindert.

Der Polizeieinsatz fand in Strathroy statt.

Der Polizeieinsatz fand in Strathroy statt.

Foto: STRINGER / REUTERS

Edmonton.  Spezialeinsatzkräfte in Kanada haben bei einer dramatischen Polizeiaktion einen Terrorverdächtigen getötet und damit nach eigenen Angaben einen bevorstehenden Selbstmordanschlag verhindert. Wie die kanadische Polizei am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mitteilte, habe ein 24-jähriger Kanadier auf einem öffentlichen Platz einen Bombensatz zünden wollen – mit dem Ziel, möglichst viele Zivilisten zu töten.

„Dank des schnellen Einsatzes unserer Ermittler konnten wir eine Tragödie verhindern“, betonte Polizeisprecher Mike Cabana auf der Pressekonferenz. Demnach habe der Anschlag „innerhalb der nächsten 72 Stunden“ zur Hauptverkehrszeit an einem stark bevölkerten Platz in einer kanadischen Großstadt stattfinden sollen. Welchen Ort der Attentäter genau im Blick hatte, ist nach den Worten Cabanas noch unklar.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich nach Angaben der Polizei um Aaron Driver, einen in Kanada bekannten Sympathisanten des Terrornetzwerks „Islamischer Staat“ (IS), den die Sicherheitsbehörden schon länger im Visier hatten. Driver hatte mehrmals seine Unterstützung für den IS getweetet, zu Attentaten in Kanada aufgerufen, Kontakte zu anderen IS-Anhängern im Ausland gepflegt und den Anschlag auf das Parlament in Ottawa im Jahre 2014 begrüßt.

FBI gab den Tipp

Auf die Spur des Attentäters kamen die Ermittler durch einen Tipp der amerikanischen Bundespolizei. Das FBI war an ein vorbereitetes Bekennervideo gelangt, anhand dessen die Kanadier die Identität des Täters rasch identifizieren konnten. Kanadas Minister für Innere Sicherheit, Ralph Goodale, erklärte, die Einsatzkräfte hätten danach sofort gehandelt, um Gefahren für die Allgemeinheit abzuwenden.

Bei dem dann folgenden Anti-Terror-Einsatz haben die Polizisten den mutmaßlichen Islamisten nahe seines Hauses in der ostkanadischen Stadt Strathroy erschossen, während er mit Sprengsätzen im Gepäck in ein Taxi einsteigen wollte, das ihn zu einem Einkaufszentrum bringen sollte. Augenzeugen sprachen im kanadischen Fernsehen von mehreren lauten Explosionen und Schüssen in der ansonsten ruhigen Wohngegend des Ortes, der etwa 200 Kilometer westlich der Millionenmetropole Toronto liegt.

Dabei hatte der Täter im Verlaufe des Einsatzes offenbar einen der Sprengkörper gezündet und dabei sich und den Taxifahrer leicht verletzt. Als er einen zweiten Sprengsatz zünden wollte, hätten die Einsatzkräfte ihn schließlich getötet. Die Anwohner des Ortes waren zuvor aufgefordert worden, in ihren Häusern zu bleiben. Mehrere Verkehrsunternehmen rund um Toronto und der internationale Flughafen der Stadt seien ebenfalls gewarnt worden.

Täter war bereits mehrfach in Haft

Der in Kanada geborene Täter war 2015 wegen Online-Drohungen mehrmals verhaftet worden, dann aber ohne Anklage und unter Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Dabei hatte er sich verpflichtet, keine Computer oder Mobilfunkgeräte zu benutzen und nicht mit anderen Terror-Aktivisten in Kontakt zu treten. Einige Monate lang musste er auch eine elektronische Fußfessel tragen. Einen direkten Kontakt zum IS hatte er laut kanadischen Behörden nicht, in Kanada galt er als Einzeltäter ohne Komplizen.

Nach Angaben seines Anwalts wurde der Mann, der zum Islam konvertiert war, als Aktivist mit „geringem Terrorrisiko“ eingestuft. In sozialen Netzwerken trat er auch unter dem Pseudonym Harun Abdurahman auf. Seine Kindheit soll problematisch gewesen sein, das Verhältnis zu seinen Eltern galt als schlecht. „Unsere schlimmsten Alpträume haben sich bewahrheitet“, sagte der Vater der Zeitung „Globe and Mail“. „Ich bin traurig und schockiert, aber nicht überrascht.“ Sein Sohn sei einen dunklen Weg gegangen und habe kein Licht am Ende des Tunnels gesehen.

Kanada hat mit einheimischen Terror-Anhängern zu tun

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Kanada mit einheimischen Terror-Sympathisanten auseinandersetzen muss. Im Oktober 2014 hatte ein frankokanadischer Konvertit aus Québec bei einem Attentat einen Polizisten getötet. Zwei Tage später hatte ein 32-jähriger Kanadier am Mahnmal des unbekannten Soldaten in Ottawa einen Soldaten hingerichtet und danach im Parlament um sich geschossen.

Im April 2013 waren zwei mutmaßliche Al-Kaida-Sympathisanten aus Montréal und Toronto festgenommen worden, die einen Anschlag auf einen Fernreisezug geplant haben sollen. 2006 wurden 18 Kanadier aufgegriffen, die Anschläge aufs Parlament und die Börse in Toronto ausführen wollten. Elf von ihnen wurden zu Haftstrafen zwischen 30 Monaten und 18 Jahren verurteilt.

Nach den Vorfällen vor zwei Jahren hatte die damalige konservative Regierung die Anti-Terror-Gesetze Kanadas verschärft und die Kompetenzen der Geheimdienste wurden gestärkt. Der neue kanadische Premierminister Justin Trudeau hatte im Wahlkampf letztes Jahr versprochen, einige besonders umstrittene Verschärfungen auf den Prüfstand zu stellen. Trudeau wurde noch am Mittwochabend von dem jüngsten Anti-Terror-Einsatz unterrichtet.