Arzneimittel-Schock

Gröhe will sorgfältigen Umgang mit Antibiotika fördern

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Klaus Brandt
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) plant finanzielle Anreize für Ärzte

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) plant finanzielle Anreize für Ärzte

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Der Antibiotika-Schock sitzt tief: Bundesgesundheitsminister Gröhe will Ärzte über finanzielle Anreize zu besseren Therapien führen.

Berlin.  Alarmierte Politiker, verärgerte Ärzte: Die Studie der Betriebskrankenkassen zum massiven und ungezielten Einsatz von Antibiotika schlägt Wellen.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte unserer Redaktion, er wolle „den zielgenauen Einsatz mit Antibiotika fördern“ und zu diesem Zweck die Regelungen zur Erstattung von diagnostischen Verfahren verbessern. Übersetzt bedeutet das: Finanzielle Anreize sollen Ärzte zu erfolgsorientierten Therapien animieren.

Neues Gesetz soll helfen

Der Minister hat dies bereits in einem neuen Gesetz zur Arzneimittelversorgung berücksichtigt, das gerade innerhalb der Bundesregierung abgestimmt wird und demnächst vom Kabinett beschlossen werden soll. „Ärztinnen und Ärzte sollen so in die Lage versetzt werden, schnell und qualitätsgesichert in der Praxis festzustellen, welche Behandlung für den Patienten die richtige ist“, sagte Gröhe.

Der sorgfältige Umgang mit Antibiotika ist heute nicht die Regel, das hat eine Auswertung der Abrechnungsdaten von rund sieben Millionen BKK-Versicherten aus 13 Bundesländern gezeigt. Die Kassen analysierten dort die Antibiotikapraxis. Das Fazit von Dirk Janssen, Vizevorstandschef der BKK Nordwest: „Es wird falsch verordnet – so falsch, dass die Gesundheit von Patienten gefährdet wird.“

Verordnungsflut stoppen

Das Problem: eine hohe Verordnungsdichte bei gleichzeitig geringer erwiesener Wirksamkeit der Medikamente. 1,7 Millionen Menschen, ein Viertel aller BKK-Versicherten, bekamen binnen eineinhalb Jahren Antibiotika verschrieben. 1,3 Millionen Rezepte fußten auf Erkrankungen, gegen die Antibiotika in aller Regel nichts ausrichten können.

Der Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, ist beunruhigt. „Das sind besorgniserregende Befunde“, sagte Lauterbach. „Wenn sich das so bestätigt, gibt es Handlungsbedarf.“ Die Verordnungsflut müsse gestoppt werden. „Es geht darum, die Antibiotikaüberversorgung einzudämmen.“ Angesichts der in der BKK-Studie beschriebenen Missstände sei „die Gefahr groß, dass Menschen darunter leiden“.

„Unverschämtes Ärzte-Bashing“

Der Deutsche Hausärzteverband fühlt sich ins falsche Licht gesetzt. „Statt die Ergebnisse seriös zu diskutieren, beschränkt man sich lieber auf Stimmungsmache“, sagt der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt und spricht von „Ärzte-Bashing“: Es sei „geradezu unverschämt“, den Ärzten Leichtfertigkeit zu unterstellen.

Dieser Vorwurf steht deshalb im Raum, weil nur bei 3,6 Prozent der Patienten vorher geprüft wurde, welches Mittel ihnen nützt. Einen entsprechenden Wirksamkeitstest, das sogenannte Antibiogramm (Kosten: 5,40 Euro) nutzt fast kein Allgemeinmediziner. Antibiogramme könnten „auch in der ambulanten Versorgung von hohem Wert sein“, sagt Weigeldt. Sie müssten aber sinnvoll eingesetzt werden, seien fehleranfällig und kein „Allheilmittel“.

„Erhebliche Fortbildungsdefizite“

Häufig gebe es „weder die Notwendigkeit für einen Antibiotikaeinsatz noch für ein Antibiogramm“, sagt Lauterbach. Etwa bei Harnwegsinfekten. „Als Arzt muss ich wissen, dass ich die zumeist gar nicht behandle, zumindest nicht mit Antibiotika, sondern ausheilen lasse.“ Doch leider wüssten das nicht alle Ärzte.

Der SPD-Gesundheitsexperte diagnostiziert „erhebliche Fortbildungsdefizite und mangelndes Problembewusstsein als Hauptursachen“ für den massiven Antibiotikaeinsatz.

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