Gesundheit

Ärzte verschreiben laut Studie viel zu sorglos Antibiotika

95 Prozent der Antibiotika werden ohne Wirksamkeitstest verschrieben. Angesichts der Risiken gibt es Rufe nach einem neuen Gesetz.

Wenn Ärzte Medikamente verordnen, steht viel zu oft und zu verfrüht ein Antibiotikum auf dem Rezept (Symbolfoto).

Wenn Ärzte Medikamente verordnen, steht viel zu oft und zu verfrüht ein Antibiotikum auf dem Rezept (Symbolfoto).

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Das Gros der niedergelassenen Ärzte in Deutschland verschreibt viel zu leichtfertig Antibiotika. Mehr als 95 Prozent der im ambulanten Bereich anfallenden Antibiotikarezepte werden offenbar auf Verdacht ausgestellt. Ob die verordneten Medikamente den Erkrankten helfen oder ihnen eher schaden, wird von den wenigsten Medizinern vorab überprüft. Ein wissenschaftlicher Wirksamkeitstest, das sogenannte Antibiogramm, das eine gezielte Therapie ermöglichen würde, wird weitgehend ignoriert.

„Es wird falsch verordnet“

Dies dokumentiert eine repräsentative Erhebung der Betriebskrankenkassen Nordwest und Mitte unter rund sieben Millionen Versicherten in 13 Bundesländern, die unserer Redaktion vorliegt. „Es wird falsch verordnet – so falsch, dass die Gesundheit von Patienten gefährdet wird“, sagt Dirk Janssen, stellvertretender Vorstandschef der BKK Nordwest.

Patienten in Berlin sind noch halbwegs gut bedient. Von rund einer halben Million BKK-Versicherten in der Hauptstadt bekamen von Anfang 2014 bis Mitte 2015 rund 175.000 (35 Prozent) Antibiotika verordnet, rund 80.000 Patienten wegen Harnwegs- oder Wundinfektionen. Diese Erkrankungen gelten als die häufigsten Infekte im ambulanten Bereich.

Berliner Patienten haben noch Glück

Im Ländervergleich ist das Antibiogramm bei den Berliner Ärzten noch am verbreitetsten – auf insgesamt sehr niedrigem Niveau: 5,6 Prozent der hier ausgestellten Antibiotikarezepte waren begründet, weil durch den Test abgesichert – der Spitzenwert unter den 13 untersuchten Bundesländern. Zum Vergleich: Das Negativbeispiel liefert das Saarland, wo weniger als 0,9 Prozent der verordneten Medikamente vorher auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.

Auch von extrem breiten Antibiotikasalven bleiben Patienten in Berlin eher verschont als anderswo. Nur jeder sechste Patient (in Nordrhein-Westfalen jeder dritte) bekommt hier zwei und mehr Medikamente verschrieben, nur ein Prozent der Patienten (in Hamburg acht Prozent) drei und mehr Verordnungen. Dafür gaben Ärzte Antibiotika auch dort, wo sie nichts ausrichten können: bei Viruserkrankungen. Etwa bei Schnupfen. Jedem sechsten Patienten mit erkältungsbedingt laufender Nase wurde ein Wirkstoff verschrieben, der Viren nichts anhaben kann.

Zastrow fordert gesetzliche Vorgabe

„Das ist eine Form von Missbrauch“, sagt der Arzneimittelforscher und Pharmakologe Gerd Glaeske. Klaus Dieter-Zastrow, Hygienechef der Vivantes Kliniken in Berlin, fordert eine gesetzliche Neuregelung. Niedergelassene Ärzte sollten Antibiotika nur noch in Verbindung mit einem Antibiogramm verordnen dürfen.