US-Wahlkampf

„Irre“, „selbstmörderisch“: Anti-Trump-Welle nimmt Fahrt auf

| Lesedauer: 6 Minuten
Dirk Hautkapp
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspielt auch unter Parteifreunden immer mehr Kredit.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspielt auch unter Parteifreunden immer mehr Kredit.

Foto: CARLO ALLEGRI / REUTERS

Donald Trump sorgt vor: Falls er im November verliert, war es Wahlbetrug. Insider glauben, dass er sich vorher noch selbst zerstört.

Washington.  „Da kommt was ins Rutschen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf“, sagen Analysten verschiedener Denkfabriken in Washington, „und es könnte Donald Trump noch vor dem Wahltermin am 8. November politisch begraben.“

Seit sich der Kandidat der Republikaner mit beleidigenden Bemerkungen über die muslimischen Eltern eines im Irak gefallenen hoch dekorierten US-Soldaten quer durch die Vereinigten Staaten unmöglich gemacht hat, ziehen reihenweise prominente Vertreter aus der angeheirateten Parteifamilie des Unternehmers die Samthandschuhe aus.

Prominente Republikaner vereint gegen Trump

Ob John McCain, Senator, Vietnam-Kriegsgefangener und ebenfalls schon zur Zielscheibe des Trumpschen Sperrfeuers geworden, oder Präsidenten-Sohn Jeb Bush – sie alle eint ein Tenor: Trump ist der Fleisch gewordene Verstoß gegen grundlegende republikanische Werte wie „Würde und Mitmenschlichkeit“.

Die Gründe sorgen für Erschrecken. Robert Kagan, einst der bellizistische Vordenker der Neo-Konservativen, legte Trump in der „Washington Post“ unters Seziermesser. Sein Befund eingedeutscht: Trump leide an „psychologischen Pathologien“ und sei nicht wirklich zurechnungsfähig.

Auch Obama mischt sich ein

Von höchster Stelle autorisiert wurden die Anti-Trumpianer ausgerechnet von dem Mann, den Trump ab Januar 2017 vergessen machen will. Barack Obama nutzte den Besuch von Premierminister Lee Hsien Loong (Singapur) zu einer Intervention, wie er den Geschichtsschreibern in Washington nicht erinnerlich ist. Weil Trump nicht nur mal sondern immer aus der Rolle falle und Amerika nach innen wie außen in Misskredit bringe, sei es an der Zeit, dass die republikanische Führung dem Milliardär die Gefolgschaft entzieht.

Trump, sagte der Amtsinhaber, habe sich für das höchste Staatsamt auf bedenkliche Weise als „ungeeignet“ erwiesen. Obama erklärte seine beispiellose Einmischung in den Wahlkampf, die Trumps Hardcore-Anhänger noch enger zusammenschweißen wird, so: Mit seinen früheren Gegenkandidaten John McCain (2008) und Mitt Romney (2012) sei er oft geteilter Meinung gewesen. Allerdings kam ihm bei beiden Männern nie der Gedanke, dass sie im Falle eines Sieges „nicht imstande wären, den Job zu machen“.

Trump glaubt schon vor der Wahl an Betrug

Dass Trump in eine andere Kategorie fällt, stellt der 70-Jährige seit Tagen mit einer Schlagzahl unter Beweis, die manche Republikaner für „irre“ bis „selbstmörderisch“ halten. Seinen Attacken gegen die Familie Khan folgte ein Eiertanz um die Rolle Russlands in der Ukraine. Trump wusste weltexklusiv, dass Putins Truppen gar nicht dort sind und auch nicht dort hingehen würden. Später korrigierte er sich – wie so oft – mit gedrechselten Ausflüchten. Um sofort die nächste Latte des Anstands zu reißen.

Er bezeichnete seine Rivalin Hillary Clinton öffentlich als „Teufel“. Dann ordnete er an, dass auf einer Wahlveranstaltung ein schreiendes Baby samt Mutter des Saales verwiesen wurde. Trump fühlte sich in seinem Redefluss gestört. Fast im gleichen Atemzug beugte Trump – ein Novum für ihn – für den Fall seiner Niederlage im November vor. Falls Clinton gewinnt, sagte er, sei dies nur durch Wahlbetrug zu erklären. Büchsenspanner des New Yorkers ergänzten, dass es dann landesweite Unruhen geben werde.

Trump legt sich mit eigener Parteispitze an

Zum Abschluss machte Trump Front gegen Top-Republikaner wie Paul Ryan. Der aus Wisconsin stammende Sprecher des Repräsentantenhaus, Nr. 3 im Staatsgefüge, steht bald zur Wiederwahl an. Trump will ihn vorläufig nicht unterstützen. Ein Affront. Ryan gab zurück, er habe nie um die Unterstützung des Immobilien-Magnaten gebeten.

In der Zentrale der „Grand Old Party“ schrillen die Alarmglocken. Hat Trump den Verstand verloren? Warum legt er sich mit den Spitzen der eigenen Partei an, die ihm mit der Faust in der Tasche bisher noch die Stange hält? Robert Kagans Analyse ist simpel: „Trump hat sich nicht unter Kontrolle. Er kann nicht schweigen, auch wenn es besser für ihn wäre.“ Schon kündigen erste republikanische Kongress-Abgeordnete an, im November „zur Strafe“ Clinton zu wählen.

Wirtschaftsgrößen schämen sich für Trump

Zuspruch erhielten die Trump-Gegner von Börsen-Milliardär Warren Buffett. Er kanzelte Trump als unternehmerischen Versager ab. „Ich habe wirklich nie einen anderen Geschäftsmann kennengelernt, der mit seinen Pleiten angibt“, erklärte der 85-Jährige. Dass Trump sich nach wie vor hartnäckig weigert, gegen alle Gepflogenheiten seine Steuererklärung zu veröffentlichen und damit seine Vermögensverhältnisse, hält Buffett für extrem verdächtig. Trump habe „Angst“, sagt der Geschäftsmann, der zur Wahl Clintons aufruft.

An seiner Seite sind auch andere mächtige Vertreter der Wirtschaft. Meg Whitman, Chefin des Computer-Riesen Hewlett Packard und laut Parteibuch Republikanerin, schämt sich für Trump und will Clinton wählen. Ähnlich hat sich der Milliardär Mark Cuban, Besitzer des Dirk Nowitzki-Basketball-Klubs Dallas Mavericks, geäußert. Weil auch die erzkonservativen Koch-Brüder, gemeinsam an die 80 Milliarden Dollar schwer, Trump links liegen lassen, fehlt dem politischen Außenseiter in der entscheidenden Wahlkampfphase der Flankenschutz des Groß-Kapitals.

Trumps brutaler Klartext kommt nicht mehr gut an

Keilt Trump darum in immer kürzeren Abständen aus? Frank Luntz, ein republikanischer Strippenzieher, der laufend die Meinung im Volk abfragt, hält Trumps Kollisions-Kurs für brandgefährlich. Aktuelle Umfragen weisen für Clinton bereits einen Vorsprung von sechs bis zehn Prozentpunkten aus. Bei konservativen Wählern, die Trumps brutalen Klartext bisher goutieren, seien erste Absatzbewegungen zu erkennen, sagte ein Analyst dem Sender CBS. Der renommierte Daten-Journalist Nate Silver räumt Trump für den 8. November nur noch eine Siegchance von 16 Prozent ein. Die Republikaner-Spitze fleht Trump an, sich zu mäßigen und Rachegelüste zu unterdrücken. Funktioniert nicht, sagt Robert Kagan. Seine Prophezeiung: Trump wird sich noch vor der Wahl „selbst zerstören.“

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