Kairo

Ein neues Schlachtfeld im Krieg gegen den IS

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Martin Gehlen

Erstmals bombardieren die Amerikaner die Terrormiliz auch in Libyen. Mindestens 15 Tote bei Selbstmordanschlag

Kairo. Mit ihren massiven Luftangriffen auf Stellungen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in Sirte sind die Vereinigten Staaten nach Syrien und dem Irak nun erstmals auch in Libyen in einen Krieg gegen den IS eingestiegen. Unter dem Feuerschutz von US-Jets gelang es den Kampfverbänden der Nationalen Einheitsregierung am Dienstag erstmals seit Wochen, die im Zentrum der Stadt eingekesselten Dschihadisten wieder ein Stück zurückzudrängen.

Nach Angaben aus Washington waren die Lufteinsätze von dem international anerkannten Ministerpräsidenten Fayez al-Sarraj in Tripolis angefordert worden und sollen in den kommenden Wochen fortgesetzt werden. Die Raketenangriffe stünden in Übereinstimmung „mit unserem Vorgehen, den IS zusammen mit fähigen und motivierten örtlichen Streitkräften zu bekämpfen“, erklärte Pentagon-Pressesprecher Peter Cook, der bestritt, dass auch US-Bodentruppen vor Ort im Einsatz sind.

Bei einem Selbstmordanschlag in der libyschen Stadt Bengasi sind unterdessen am Abend mindestens 15 Soldaten getötet worden. 16 weitere Soldaten seien verletzt worden. Niemand bekannte sich zunächst zu der Tat.

Anfang Juni war es libyschen Milizen gelungen, die IS-Invasoren aus Teilen von Sirte zu vertreiben, wo sie sich seit Juni 2015 verschanzt hatten. Seit mehreren Wochen jedoch herrscht an der Front ein blutiges Patt, das bisher über 300 Angreifern das Leben kostete. Die Dschihadisten wehren sich vor allem mit Selbstmordfahrzeugen und Scharfschützen. Ihre Zahl wird noch auf etwa 1000 geschätzt, vor einem halben Jahr kalkulierten westliche Geheimdienste noch mit 5000 bis 6000 Extremisten. Die übrigen sind entweder aus dem Kessel von Sirte entkommen oder verstecken sich nun in den Reihen der Zivilbevölkerung. Die IS-Führung hatte offenbar geplant, Libyen als alternative Machtbasis aufzubauen, falls das „Islamische Kalifat“ in Syrien und dem Irak aufgegeben werden müsste.

Westliche Militäraktionen auf libyschem Boden sind in der einheimischen Bevölkerung sehr unpopulär. Erst Ende Juli musste sich die Nationale Einheitsregierung von einer französischen Militärpräsenz distanzieren, nachdem ein Armeehubschrauber nahe Benghazi abgestürzt war und drei Soldaten einer Spezialtruppe in den Tod gerissen hatte.

Das US-Vorgehen in Sirte rechtfertigte Regierungschef Fayez al-Sarraj darum ausdrücklich in einer Fernsehansprache und erklärte, dem IS seien schwere Verluste zugefügt worden. Er versprach der Bevölkerung, die US-Angriffe blieben auf Sirte und Umgebung beschränkt und betonte, es sei Zeit, „dass die internationale Gemeinschaft ihre Versprechen gegenüber dem libyschen Volk tatsächlich einlöst“. Sarraj, dessen Kabinett nach wie vor von der Gegenregierung in Tobruk nicht anerkannt ist, sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, seine von
den Vereinten Nationen vermittelte
Ministerriege sei in Wirklichkeit eine Marionette des Westens.

Aus dem Pentagon hieß es, man habe mit den von US-Präsident Barack Obama autorisierten Luftschlägen einen Panzer und mehrere gepanzerte Truppentransporter zerstört. Im März hatte das Verteidigungsministerium dem Weißen Haus eine Liste mit rund 40 IS-Zielen in vier Regionen Libyens vorgelegt – darunter Trainingslager, Kommandozentralen und Munitionsdepots. Dieser Angriffsplan jedoch wurde verworfen, um die fragile Einheitsregierung nicht zusätzlich zu belasten. Zuvor hatten US-Kampfjets zweimal über libyschem Territorium gegen die Kalifatskrieger operiert, jedoch nur in spektakulären Einzelaktionen. Im Februar bombardierten F-16-Jets ein IS-Trainingslager westlich von Tripolis. Im November 2015 tötete eine US-Drohne einen hochrangigen IS-Kommandeur.

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