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Spiele-Moderator von AfD wegen Volksverhetzung angezeigt

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Wienand
Simon Krätschmer ist nach eigenen Angaben von der AfD angezeigt worden. Es geht offenbar um einen Kommentar zu überfahrenen Fußgängern bei einem Computerspiel.

Simon Krätschmer ist nach eigenen Angaben von der AfD angezeigt worden. Es geht offenbar um einen Kommentar zu überfahrenen Fußgängern bei einem Computerspiel.

Foto: Webvideotage/Simon Bierwald (CC-BY)

Videospiel-Moderator Simon Krätschmer berichtet von einer Anzeige der AfD wegen Volksverhetzung. Sein Vaters reagiert einzigartig.

Hamburg.  „Volksverhetzung“ und AfD – da denken weite Teile der Öffentlichkeit wohl zunächst an Provokationen aus der rechtspopulistischen Partei. Doch aus der AfD heraus ist nun offenbar Computerspiel-Moderator Simon Krätschmer wegen Volksverhetzung angezeigt worden, wie Krätschmer schreibt. „Mehr Ironie geht nicht“, kommentiert der 37-jährige Moderator von „Rocket Beans TV“den Fall auf Twitter. Im Netz wird spekuliert, dass ein Kommentar von Krätschmer bei einem Spiel Anlass war, in dem Menschen überfahren werden müssen. Fans kritisieren ihn allenfalls verhalten. Krätschmers Vater, SPD-Politiker und früherer hauptamtlicher Bürgermeister im hessischen Wächtersbach, demonstriert öffentlich bemerkenswerten Rückhalt.

Folge ist nicht mehr abrufbar

Simon Krätschmer, zweifacher Gewinner des Deutschen Webvideopreises, geht auf den Hintergrund der Strafanzeige nicht konkret ein, er und das Unternehmen wollen nach Angaben von „Rocket Beans“ auch derzeit nicht weiter Stellung nehmen. Mit den Hashtags in einer weiteren Kurznachricht hat „Bimon“ aber einen Hinweis gegeben.

Fans des Moderators entschlüsselten daraus: Es geht um eine Folge seiner Sendung Gameplus Daily vom 11. Juli, als er das gerade veröffentlichte Game „Carmageddon – Max Damage“ spielte und kommentierte.

Das Spiel lässt bei Jugendschützern seit seiner ersten Version Alarmglocken schrillen: Wer bei der rasanten Fahrt in einem Auto Menschen oder Tiere über den Haufen fährt, sieht Blut spritzen und bekommt Bonuszeit für seine Mission. Weil sehr viele Menschen quer durch das Spielgeschehen laufen, können Gamer solche Unfälle auch kaum vermeiden. Die Szenen sind übertrieben dargestellt und zumindest geschmacklos. Geschmacklos wäre auch der Satz von Krätschmer, den viele Zuschauer während des Spiels sinngemäß so gehört haben wollen: In dem Spiel Menschen zu überfahren, falle leichter, wenn man sich vorstelle, dass die überfahrenen Menschen im Spiel AfD-Wähler seien. Der Satz bringt dem Star in der Gamingszene offenbar nun den juristischen Ärger ein. Das Video mit der Folge ist derzeit nicht mehr abrufbar. „Rocket Beans“ wollte dazu nicht Stellung nehmen.

Aus seiner Ablehnung von Rechtspopulisten hat Krätschmer in der Vergangenheit kein Geheimnis gemacht. Deshalb gibt es Anfeindungen aus der Szene. Zuletzt fand sich im Forum sogar von einem Nutzer mit Hakenkreuz-Profilbild eine Morddrohung mit einem konkreten Datum.

Für die Fans von Krätschmer in Foren, auf Facebook, Twitter und Reddit steht aber völlig zweifelsfrei fest, dass die Aussage des Moderators Richtung AfD ein sarkastischer „Gag“ war. Nur wenige finden den Vorwurf nicht völlig absurd. Missglückt sei der Spruch und hätte ihm nicht passieren dürfen, meinen manche. Es überwiegt aber Belustigung, dass ausgerechnet die AfD Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstattet, die sich doch selbst oft solchen Vorwürfen ausgesetzt sieht.

AfD-Bundesgeschäftsstelle: Wir wissen nichts

Von einer Anzeige weiß allerdings die Bundesgeschäftsstelle der AfD nach ihrem Bekunden nichts. Von einer solchen Anzeige sei „von Bundesseite nichts bekannt“, antwortete Pressesprecher Christian Lüth auf eine Mail mit mehreren Fragen. Im Volksverhetzungs-Paragraf kommen zwei Tatbestände möglicherweise in Frage. Das kann zum einen gelten, wenn man „in einer Weise, die den öffentlichen Frieden stören könnte, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert. Zum anderen kann sich strafbar machen, wer die Menschenwürde anderer angreift, indem er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet. Eine Verbreitung über Rundfunk oder das Netz kann strafverschärfend sein.

Simon Krätschmers Vater Rainer springt dem Sohn uneingeschränkt bei und bietet „Asyl“ an: „Du kannst dich geadelt fühlen“, kommentiert der Ehrenbürger der 12.000-Einwohner-Stadt Wächtersbach bei Frankfurt, deren Bürgermeister er 24 Jahre lang war. „Was hast du gesagt? Ich will das wiederholen, damit du nicht allein bist.“ Mit seiner Reaktion auf Facebegeistert er manche der Gamer regelrecht: Simon solle den Papa mal in eine Sendung holen, fordern Nutzer.

Den Wortlaut kenne er wirklich nicht, sagte der langjährige SPD-Kommunalpolitiker unserer Redaktion, und er habe das nicht nur geschrieben, weil es um seinen Sohn geht, sondern auch aus politischer Überzeugung. „Die sind die eigentlichen Volksverhetzer.“ Die Anzeige sei nicht nur Ironie, „es ist schon pervers, wenn die andere wegen Volksverhetzung anzeigen.“

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