München/Berlin

Was wusste der Freund des Amokläufers von München?

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Kohnen

Polizei rekonstruiert WhatsApp-Chat des Attentäters David S. mit einem 16-jährigen Afghanen – und nimmt diesen vorübergehend fest

München/Berlin.  Eine Stadt trauert. Der Ausnahmezustand vom Freitagabend wirkt nach. Die Münchner Innenstadt ist ungewöhnlich leer. Am Tatort legen Menschen Blumen nieder, zünden Kerzen an, manche beten, ein paar weinen. Am Morgen findet vor der Eröffnung des Olympia-Einkaufszentrums ein Gedenkgottesdienst statt. „Bevor wir zum Alltag übergehen, haben wir die Mitarbeiter zusammengeholt, damit jeder weiß, dass er nicht allein ist“, sagte Center-Manager Christoph von Oelhafen. Nach Shoppen ist vielen nicht zumute. Nur am Blumenladen stehen Menschen Schlange.

David S., ein 18-jähriger Deutsch-Iraner, hatte hier und in einer benachbarten McDonalds-Filiale am Freitagabend neun Menschen erschossen und 35 verletzt. Später wurde er von einem Polizisten gestellt – und tötete sich selbst. Insgesamt gab er 57 Schüsse ab. Von den Verletzten schwebt keiner in Lebensgefahr.

Es ist der dritte Tag nach der Bluttat. Die Polizei veröffentlicht neue Erkenntnisse. Es geht vor allem um einen Freund des Amokläufers, einen mutmaßlichen Mitwisser der Tat, der am Sonntagabend festgenommen worden war. Der 16-jährige Afghane, geboren im Libanon, soll den Deutsch-Iraner noch kurz vor seinen tödlichen Schüssen am Einkaufszentrum getroffen haben. Womöglich unterhielten sie sich über die Tat. Dann entfernte der 16-Jährige sich vom späteren Tatort. Auch über ihre Smartphones hatten die beiden kurz vor der Tat Kontakt. Später löschte der Afghane den WhatsApp-Chat mit David S. Dieser wurde mittlerweile von Spezialisten der Polizei wiederhergestellt. Aus der Unterhaltung geht laut den Ermittlern hervor: Der 16-Jährige wusste, dass David S. eine Pistole mit sich führte. Die Behörden gehen jedoch nicht davon aus, dass der 16-Jährige ein Mittäter war. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: das Nichtanzeigen einer geplanten Straftat. Deshalb wird gegen ihn ermittelt.

Allerdings wurde der Freund des Amokläufers am Montagnachmittag wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Ermittlungsrichter sah keinen Haftgrund. Die Staatsanwaltschaft geht hingegen von einer akuten Verdunkelungsgefahr aus – das heißt, es wird befürchtet, dass er zum Beispiel Beweismaterial vernichten könnte.

Die beiden jungen Männer kannten sich, so sagen es die Ermittler, aus einer stationären Psychiatrie. Beide wurden wegen Depressionen behandelt, waren süchtig nach Killerspielen, etwa nach „Counterstrike“. „Nach unserer Einschätzung haben sich zwei Einzelgänger getroffen“, sagt der leitende Kriminaldirektor Hermann Utz.

Amokläufer bewegte sich „wie in einem Computerspiel“

In ihren Gesprächen ging es auch um Amokläufe. David S. sprach über seinen „Hass auf Menschen“, soll seinem Freund erzählt haben, dass er den Rechtsradikalen Anders Behring Breivik verehrt. Der hatte im Sommer 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordet – David S. startete seinen Amoklauf auf den Tag genau fünf Jahre später.

Die Verehrung eines Massenmörders, die Sucht nach Killerspielen, das passt zu dem Bild, das die Polizei vom Amoklauf zeichnet: David S. tötete seine Opfer mit Kopfschüssen. „Mein Eindruck war, der hat sich wie in einem Computerspiel bewegt“, sagt Utz. Der 18-jährige Täter habe seine Opfer ganz zielgerichtet getötet. Seine Pistole: eine Glock 17, Kaliber neun Millimeter. Auch Breivik hatte neben seinem Gewehr auch eine Glock benutzt. David S. soll die Tat seit etwa einem Jahr akribisch vorbereitet haben.

Laut der Ermittler war es allerdings Zufall, dass David S. vor allem junge Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen hat. Auch der Hinweis, er habe drei Schüler, die ihn vor ein paar Jahren gemobbt hätten, in die Nähe des Tatorts gelockt, ließ sich nicht erhärten. Nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) war David S. nicht wegen Aggressionen gegen andere Menschen aufgefallen. Die Ärzte, die ihn behandelt haben, hätten eher eine Suizidgefahr gesehen, sagte Herrmann in einer ARD-Sendung.

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