Pro Russland

Warum die Entscheidung des IOC ein Skandal ist

Das Internationale Olympische Komitee hat pro Russland entschieden. Offenbar will das IOC doch keine sauberen Verhältnisse schaffen.

Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees

Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees

Foto: Laurent Gillieron / dpa

Es kommt hierzulande häufig vor, dass frühmorgens um sechs Uhr ein Sportler aus seinem Bett geklingelt wird. Vor der Haustür wartet der Doping-Kon­trolleur. Der Athlet oder die Athletin muss noch halb schlafend eine Blut- oder Urinprobe über sich ergehen lassen. Eine unwürdige Situation. Oft wurde diese Form der Doping-Jagd von den Sportlern beklagt, aber sie wird doch zähneknirschend akzeptiert. Alle wollen schließlich, dass schwarze Schafe, dass Betrüger mit jeder Konsequenz aussortiert werden.

Spätestens seit Sonntag stellt sich die Frage: Wollen das wirklich alle? Will das vor allem auch das Internationale Olympische Komitee mit seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach, die höchste Instanz des Sports? Nachdem der oberste Sportgerichtshof Cas in der vergangenen Woche entschieden hatte, dass russische Leichtathleten nicht an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen dürfen, waren die Reaktionen vielleicht doch etwas zu optimistisch ausgefallen. Von einem Signal war die Rede, von einer Steilvorlage für das IOC, nun endlich einmal saubere Verhältnisse zu schaffen.

Chance auf Glaubwürdigkeit vergeben

Denn das Gericht in Lausanne hatte klargestellt, dass es eine juristische Basis gibt für den Gesamtausschluss Russlands. Zu glauben, nur dort werde gedopt, ist natürlich naiv. Aber im Riesenreich des Ostens handelte es sich nicht um Verfehlungen Einzelner oder um eine Giftküche à la Armin Klümper in Freiburg. In Russland wurde im großen Stil betrogen, vertuscht und bedrängt, mithilfe der Mediziner, des Geheimdienstes und hochrangiger Ministeriumsvertreter. Staatsdoping. Das IOC hätte einen kleinen Teil an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen können, wenn es klargestellt hätte: Jetzt reicht’s!

Diese Chance hat es krachend vergeben. Der Sportrechtler Manfred Lehner hatte schon nach dem Cas-Urteil gesagt, wenn die Olympier sich jetzt um die Verantwortung drücken würden und das Aussieben der Dopingsünder den internationalen Verbänden überließen, also Schwimmern, Turnern oder Volleyballern, wäre das Feigheit vor dem Feind. Genau das ist nun eingetreten, genau so hat das IOC entschieden. Ein Komplettausschluss war offenbar nie Thema.

Schlimmer noch: Keine Rede mehr davon, dass ein paar saubere russische Athleten unter neutraler Flagge antreten müssen. Auch diese Strafe will Bach seinem Freund Wladimir Putin ersparen. Geradezu ein Hohn ist es, dass das IOC ausgerechnet Julija Stepanowa das Startrecht verweigert, der Frau, die mit ihrem Doping-Geständnis den russischen Sport erst als Betrugsmaschinerie enttarnt hatte. Mit der Begründung, sie erfülle nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten.

IOC vertritt nur eigene Interessen

Dieses IOC vertritt längst nicht mehr die Interessen der ehrlichen Sportler, sondern nur seine eigenen. Die Sportverbände sollen jetzt das finanzielle Risiko übernehmen, das sich durch Klagen von aussortierten Athleten ergeben könnte, nicht die reichen Herrn des Olymp. Sie haben dafür keine zwei Wochen mehr Zeit. Wie soll das überzeugend umgesetzt werden? Da wird lieber mal ein Auge zugedrückt. Und wo nicht, drohen langwierige Prozesse.

Schon jetzt ist es eine Farce, dass Sportler ein Medaillen-Upgrade ihrer Leistungen erfahren, wenn Jahre später Dopingsünder überführt werden. Kommt jetzt auch noch eine Prozessflut hinzu? So macht Sport keinen Spaß, so machen Olympische Spiele keinen Spaß. Und diejenigen, die sich um sechs Uhr morgens vom Kontrolleur Blut abzapfen lassen, werden sich irgendwann fragen, warum sie eigentlich so dämlich sind. Seite 21