Hacker-Angriff

US-Demokraten machen Russland für Datenklau verantwortlich

Nach dem Sturz der Parteichefin über eine E-Mail-Affäre machen die US-Demokraten Russland für den Daten-Diebstahl verantwortlich.

Bernie Sanders reagierte vergrätzt auf die Erkenntnis, dass die Parteiführung der Demokraten seine Glaubwürdigkeit im Vorwahlkampf untergraben wollte – will aber seine Unterstützung für Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin nicht revidieren.

Bernie Sanders reagierte vergrätzt auf die Erkenntnis, dass die Parteiführung der Demokraten seine Glaubwürdigkeit im Vorwahlkampf untergraben wollte – will aber seine Unterstützung für Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin nicht revidieren.

Foto: BRIAN SNYDER / REUTERS

Philadelphia.  Auf dem Hillary-Clinton-Parteitag in Philadelphia elektrisiert eine Spekulation die politische Szene in Amerika: Haben russische Hacker kompromittierende E-Mails abgefischt und an die Enthüllungs-Plattform Wikileaks weitergeleitet, die den ohnehin angekratzten Ruf der demokratischen Präsidentschaftskandidatin zusätzlich beschädigen könnten? Oder mit anderen Worten: Mischen sich die Geheimdienste von Wladimir Putin zugunsten des Republikaners Donald Trump via Cyberspace in den Präsidentschaftswahlkampf des ehemaligen Klassenfeindes ein? Seit Wikileaks 20.000 interne E-Mails des Parteivorstands der Demokraten (DNC) veröffentlicht hat, ist der Plan des Clinton-Lagers, in der Stadt der „brüderlichen Liebe“ den Kontrapunkt zu Trumps düsterem Ego-Trip in Cleveland zu setzen, jedenfalls über den Haufen geworfen.

Aus den digitalen Einträgen geht hervor, dass Funktionäre der Partei um die Clinton-Anhängerin und Partei-Managerin Debbie Wasserman Schultz im Vorwahlkampf alles andere als unparteiisch agierten. Leidtragender: Bernie Sanders, Ikone der Parteilinken und Clinton bis zum Frühsommer nah auf den Fersen. Um ihn zu stoppen, wollten DNC-Mitarbeiter vor den Vorwahlen in West Virginia und Kentucky Zweifel an Sanders’ jüdischem Glaubensbekenntnis säen. In der Hoffnung, dass die religiösen Wähler den Senator (74) aus Vermont als Atheisten begreifen – und ablehnen. Der Plan wurde nicht exekutiert, kam aber jetzt durch das E-Mail-Leak an die Öffentlichkeit.

Sanders will trotz Enthüllungen Clinton unterstützen

Sanders reagierte vergrätzt, wollte seine für Montagabend in einer großen Rede angekündigte Unterstützung für Clinton aber nicht revidieren. Alles müsse dem Ziel untergeordnet werden, „Trump zu verhindern“, sagte er. Clinton wies jede Verantwortung für die Sabotage-Versuche zurück. Dagegen kündigte Debbie Wasserman Schultz an, eine Vertraute von Clinton und Präsident Obama, nach dem Konvent in Philadelphia zurückzutreten.

Ausgestanden ist die Affäre, die das Selbstbild der Demokraten als aufrichtige Alternative zur Schlangengrube der Republikaner zerstört, damit aber nicht. Sanders-Sympathisanten wollen in Philadelphia Krach schlagen. „Clintons Leute haben von Anfang an mit falschen Karten gegen Sanders gespielt“, sagte der Demonstrant Justin Coley unserer Redaktion.

Keine Beweise für russische Hacker

Mit Verweis auf US-Geheimdienstquellen versuchte Clintons Wahlkampfchef Robby Mook, von der Schmutzkampagne gegen Sanders abzulenken. Seiner Lesart nach geht der digitale Diebstahl, dessen Beute bei Wikileaks deponiert wurde, auf Hacker zurück, die von Russland gesteuert wurden. „Es ist beunruhigend, dass uns Experten sagen, dass die Russen das getan haben, um Donald Trump zu helfen“, erklärte Mook in einem Interview. Beweise legte er nicht vor, erwähnte aber die jüngsten kritischen Äußerungen Trumps gegen die Nato und dessen unverhohlene Bewunderung für Russlands Präsidenten Putin. Trumps Wahlkampf-Manager Paul Mannafort konterte den Verdacht, dass Moskau die Wahlen in Amerika destabilisieren will und mit Trump konspiriert, so: „Barer Unsinn. Worüber reden wir hier eigentlich?“ Ähnliche Stellungnahmen kamen aus Moskau.

Tatsache ist aber, dass Hacker jüngst große Datenbestände der Demokraten in ihren Besitz gebracht hatten. Regierungsinterne Untersuchungen ergaben, dass die Eindringlinge, die unter den Tarn-Namen „Fancy Bear“ und „Cozy Bear“ firmieren, auch in Rechner des Außenministeriums und des Weißen Hauses eingedrungen waren. Wie die „New York Times“ schreibt, sind die Hacker-Gruppen dem FBI bekannt und werden als Auftragsnehmer des russischen Militär-Geheimdienstes GRU geführt.

Wikileaks-Gründer Assange droht mit weiteren Enthüllungen

Die Bundespolizei untersucht den Vorfall inzwischen. „Wir arbeiten daran, die Art und das Ausmaß festzustellen“, hieß es in einer schriftlichen Mitteilung des FBI. „Ein Eingriff dieser Art ist etwas, das wir sehr ernst nehmen.“

Ein Ende der E-Mail-Affäre, für Clinton ist es nach den Ungereimtheiten um ihr digitales Gebaren als Außenministerin die zweite, ist nicht absehbar. Wikileaks-Gründer Julian Asange kündigte in britischen Medien an, dass in Kürze neue E-Mails veröffentlicht würden. Sie sollen reichen, „um Hillary Clinton vor Gericht zu bringen“.