Berlin/München

Chaos und Panik in der Innenstadt

Berlin/München.  Tausende Polizisten sind im Einsatz, Hubschrauber kreisen über der Stadt, Krankenhäuser rufen ihre Ärzte zurück auf die Stationen, der Hauptbahnhof ist evakuiert. Doch es gibt keine Entwarnung: Bis zu drei Attentäter sollen nach dem Angriff mit Schusswaffen in einem Einkaufszentrum im Münchner Norden auf der Flucht sein. Das meldet die Polizei in einer ersten Pressekonferenz nach dem Attentat. Es ist 21.23 Uhr am Freitag. Gut drei Stunden nach Beginn der Tat.

Vieles bleibt bis in die Nacht unbestätigt. Lange ist die Lage unübersichtlich, Meldungen flackern auf, verschwinden wieder. Die Motive des oder der Täter sind völlig unklar. Immer wieder tauchen Videos von dem mutmaßlichen Attentäter im Internet auf, gedreht von Passanten aus der Ferne. Weder Polizei noch Politiker äußern sich zu Hintergründen der Tat. Fest steht um kurz vor Mitternacht: Mindestens neun Menschen starben, darunter womöglich ein Täter. Mehrere sind verletzt. Die Chronik einer brutalen Tat:


17.52 Uhr:
Bei der Polizei in München geht ein Notruf ein. Jemand meldet: Schüsse vor einer Filiale von McDonald’s im Olympia-Einkaufszentrum, dem OEZ, im Norden der Stadt. Eine Mitarbeiterin einer Drogeriekette berichtet, es seien zahlreiche Schüsse gefallen. Sie habe eine Person am Boden gesehen, die so schwer verletzt gewesen sei, dass sie definitiv nicht überlebt habe. Etliche Menschen sind zu dem Zeitpunkt in dem Einkaufszentrum mit 135 Geschäften. Draußen brummt der Feierabendverkehr vorbei.


18 Uhr:
Augenzeugen posten in den Minuten nach dem Notruf die ersten Meldungen auf dem Nachrichtendienst Twitter. „Vor/Im OEZ wird geschossen. Alle das Gebiet meiden!“, schreibt eine junge Frau. Und der Nutzer Christopher J. twittert: „Ich kann aus dem Garten noch Schüsse aus Richtung Olympia Einkaufszentrum hören...“


18.09 Uhr:
Der Bayerische Rundfunk schickt die erste Eilmeldung – und beruft sich auf Berichte von Augenzeugen. Der Sender meldet mehrere Tote. Die Angaben sind von der Polizei nicht bestätigt. Kurz darauf laufen Meldungen auch über die Nachrichtenportale, die ersten Fernsehsender berichten live.


18:24 Uhr:
Die Situation ist völlig unübersichtlich. Im Internet berichtet ein Mann vor dem Einkaufszentrum mit der Kamera an seinem Handy über den Jedermann-Livestream „Periscope“, er zeigt Bilder von immer mehr Polizeiwagen, die vorfahren. Die Polizei in München twittert: „Im Moment haben wir einen großen Polizeieinsatz am OEZ. Bitte meiden Sie den Bereich um das Einkaufszentrum.“


19.00 Uhr:
Die U-Bahnhof des Einkaufszentrums wird wegen des Polizeieinsatzes nicht mehr bedient.


19.05 Uhr:
Die Polizei twittert: „+++ACHTUNG+++ Meiden Sie die Umgebung um das OEZ - Bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Verlassen Sie die Straße!+++“


19.11 Uhr:
Eine Frau postet auf Facebook: „Was ist nur in die Menschheit gefahren?! Unsere Welt ist krank! 2016 – was bist Du nur für ein vermaledeites Jahr.“ Die Polizei rechnet „mit mehreren Toten“, sagt ein Sprecher.


19.19 Uhr:
Langsam wird deutlich. Der oder die Täter sind nicht tot oder festgenommen. Die Attentäter fliehen. Die Polizei in München schreibt auf Twitter: „Meiden Sie öffentliche Plätze in München. Die Lage ist noch unübersichtlich.“ Erst heißt es, ein Einzeltäter habe den Angriff verübt. Kurz darauf ist die Rede von mehreren Attentätern. Taxifahrer werden aufgefordert, keine Gäste mehr mitzunehmen.


19:30 Uhr:
Wie die Münchner Zeitung „tz“ berichtet, wurde der Amokalarm ausgelöst. Demnach seien alle verfügbaren Streifen und Sondereinheiten am Einkaufszentrum OEZ.


19.37 Uhr:
Die Polizei warnt über die sozialen Netzwerke: „Bitte keine Fotos/Filme von polizeilichen Maßnahmen online stellen. Unterstützt nicht die Täter!“


19.38 Uhr:
Laut der Nachrichtenagentur dpa gibt es auch in der Münchner Innenstadt einen Großeinsatz der Polizei. Zahlreiche Menschen seien aus der Fußgängerzone zum Stachus gelaufen. Manche hätten geschrien und seien in Tränen ausgebrochen. Zahlreiche schwer bewaffnete Polizeibeamte waren demnach vor Ort. Kurz darauf gibt die Feuerwehr Entwarnung: Eine Panik sei am Stachus ausgebrochen. Doch einen Angriff habe es dort nicht gegeben. Mehrfach flackern an diesem Abend Meldungen auf, dass es Schüsse auch an anderen Orten der Stadt gebe. Doch keine der Warnungen bestätigt sich.


19.48 Uhr:
Die Münchner Verkehrsbetriebe geben bekannt: Keine Busse und Bahnen fahren mehr.


20.07 Uhr:
Die Regierenden der Stadt rufen den „Sonderfall“ wegen einer „Amoklage“ aus. Die Bürger wurden über das Smartphone-Warnsystem Katwarn aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Die Polizei wird kurz darauf ihre Eilmeldungen über das Internet in drei Sprachen schicken – in Deutsch, Englisch und Französisch. Es sind viele Touristen unterwegs, auch sie sollen die Notrufe erreichen.


20.09 Uhr:
Die Polizei evakuiert den Münchner Hauptbahnhof. Die Deutsche Bahn gibt bekannt: „Der Zugverkehr wurde komplett eingestellt.“ Die Züge aus allen Richtungen würden vorzeitig an Bahnhöfen im Umland der bayerischen Landeshauptstadt gestoppt. Autofahrer werden über Radio aufgefordert, die Autobahnen zu verlassen – auch damit die Einsatzkräfte schnell aus anderen Regionen nach München anreisen können. Es herrscht Verkehrschaos. In und um die Stadt.


20.10 Uhr:
Zeugen, die beim Angriff im Einkaufszentrum waren, melden sich bei der Polizei und sprechen von drei Attentätern. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) haben ein Krisentreffen in der Staatskanzlei in München angesetzt.


20.29 Uhr:
Die Zahl der Toten hat sich nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks auf sechs erhöht. Die Polizei bestätigt dies vorerst nicht. Aber klar scheint: Es gibt außer dem Einkaufszentrum keine weiteren Tatorte.


20.40 Uhr:
Auf Youtube taucht ein Video auf, gedreht von einem Balkon eines Hochhauses mit einer Handykamera. Gegenüber auf dem Parkdach ist einer der mutmaßlichen Attentäter zu erkennen. Der Mann auf dem Dach ruft: „Ich bin Deutscher.“ Dann feuert er weitere Schüsse ab.


20.42 Uhr:
Mehrere Polizeihubschrauber kreisen weiter über München. Aus einem der Helikopter über dem Olympia-Einkaufszentrum späht ein Scharfschütze, wie Reuters-Fotografen berichten. Zahlreiche Verkehrsachsen im Norden Münchens sind abgeriegelt. Weiter fahren auch Rettungswagen mit Blaulicht durch die Innenstadt. Die Polizei spricht von einer „akuten Terrorlage“ in München. Drei Täter mit „Langwaffen“ seien auf der Flucht.


20.56 Uhr:
US-Präsident Barack Obama bietet seine Unterstützung an. Die Herzen seien bei den Menschen in Deutschland, sagt er. In München sind die Täter noch immer auf der Flucht. Die Spezialeinheit der Bundespolizei „GSG 9“ ist in Hubschraubern nach München verlegt worden, ebenso die Sonderpolizei „BFE+“. Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der am Freitagabend in New York gelandet war, kehrt nach Deutschland zurück.


21.36 Uhr:
In einer Pressekonferenz spricht die Polizei von bis zu drei Tätern auf der Flucht. Später vermuten die Sicherheitsbehörden, dass doch ein Einzeltäter hinter dem Angriff steckt. Informationen über die Hintergründe und Motive des Angriffs nennt die Polizei nicht. Kurz darauf teilt die Polizei München mit, dass inzwischen neun Tote gefunden worden sind und prüft, ob einer der Täter ist.


22.37 Uhr:
Für Angehörige gibt es eine zentrale Auskunfts- und Vermisstenstelle. Sie ist unter der Telefonnummer 0800/776 6350 erreichbar. Seehofer beruft sein Kabinett zu einer Sondersitzung am Samstag um 11.00 Uhr in der Münchner Staatskanzlei ein.