Gewalttat

Drei Verletzte nach Münchner Amoklauf außer Lebensgefahr

Nur langsam weicht der Schock nach dem Anschlag in München. Eine kleine gute Nachricht: Alle Verletzten sind nun außer Lebensgefahr.

Trauer um die Opfer von München: In der Nähe des Tatorts haben Menschen Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Trauer um die Opfer von München: In der Nähe des Tatorts haben Menschen Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Foto: Johannes Simon / Getty Images

München/Berlin.  Nach dem Amoklauf von München schwebt keiner der Verletzten mehr in Lebensgefahr. Dies teilten die Ermittler am Montag bei einer Pressekonferenz in München mit. Am Sonntag waren noch drei Menschen in Lebensgefahr gewesen. Insgesamt gab es laut Landeskriminalamt 35 Verletzte. Zehn Menschen hatten bei dem Amoklauf am Freitag schwere Verletzungen erlitten, vier unter ihnen hatten Schussverletzungen.

Unter den 35 Menschen seien auch welche, die am Freitagabend bei den panikartigen Szenen in Teilen der Münchner Innenstadt verletzt worden waren. Nach den tödlichen Schüssen in einem Einkaufszentrum am Olympiapark war zeitweise befürchtet worden, es handle sich um einen Terroranschlag und es gebe weitere Tatorte in der Münchner City. Später stellte sich heraus, dass der 18 Jahre alter Schüler David S. bei seinem Amoklauf als Einzeltäter insgesamt neun Menschen erschossen und sich danach selbst gerichtet hatte.

Die meisten Opfer mit ausländischen Wurzeln

Bei dem Amoklauf starben vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Nach Angaben des LKA vom Sonntag waren unter den neun Opfern zwei Deutsche, zudem seien zwei Menschen mit deutsch-türkischer Nationalität ums Leben gekommen. Des Weiteren habe es jeweils ein Todesopfer aus Ungarn, der Türkei und Griechenland gegeben. Ein Toter stamme aus dem Kosovo, ein weiteres Todesopfer sei staatenlos gewesen, hieß es weiter.

Am Samstag hatte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä mitgeteilt, dass alle Getöteten aus München und Umgebung stammen. Zwei 15-Jährige starben ebenso wie drei 14-Jährige, so die Ermittler. Die weiteren Todesopfer seien 17, 19, 20 und 45 Jahre alt gewesen. Unter den neun Opfern des Todesschützen seien drei Frauen gewesen.

Bayerischer Minister fordert Anti-Terror-Einsätze der Bundeswehr

Der Amokschütze, der in München aufgewachsen ist und zur Schule ging, hatte nach ersten Erkenntnissen von Ermittlern eine Erkrankung „aus dem depressiven Formenkreis“. „Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte“, sagte auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Nach dem Amoklauf setzt inzwischen die politische Debatte ein, wie solche Bluttaten künftig verhindert werden können. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach sich dafür aus, die Einsatzkonzepte der Polizei noch einmal unter die Lupe zu nehmen. „Das wird sicher jetzt noch einmal überprüft werden müssen“, sagte der CDU-Politiker am Samstagabend in der ARD. Bayerns Innenminister Herrmann forderte in der „Welt am Sonntag“, dass „wir in extremen Situationen“ wie Terroranschlägen „auch in Deutschland auf die Bundeswehr zugreifen können“.

In den Blickpunkt rücken zudem die Waffengesetze: De Maizière sagte der „Bild am Sonntag“, zunächst müsse ermittelt werden, wie der Amokläufer an die Tatwaffe gelangt sei. „Dann müssen wir sehr sorgfältig prüfen, ob und gegebenenfalls wo es noch gesetzlichen Handlungsbedarf gibt.“ Vizekanzler Sigmar Gabriel betonte im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die Waffenkontrolle ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen weiter alles tun, um den Zugang zu tödlichen Waffen zu begrenzen und streng zu kontrollieren.“ Der SPD-Politiker sagte zudem, Staat und Gesellschaft müssten bei psychisch instabilen Menschen „hinsehen und intervenieren – gerade bei Jugendlichen“.

Schütze hatte noch 300 Patronen dabei

Der Amokschütze hatte nach Behördenangaben noch 300 Schuss Munition übrig. Er benutzte bei seiner Bluttat eine Neun-Millimeter-Pistole der Marke Glock. Die Seriennummer war herausgefeilt. Die Waffe hatte er in einem anonymen Bereich des Internets gekauft, dem sogenannten Darknet. Sie sei einst als Theaterwaffe entschärft, dann aber wieder zu einer scharfen Waffe umgebaut worden, sagte der Chef des Landeskriminalamts, Robert Heimberger.

In der Wohnung von David S. wurde Material gefunden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden 2009 und zum Massenmord des Norwegers Anders Breivik vor genau fünf Jahren vermuten lasse. Der Amoklauf fand am fünften Jahrestag von Breiviks Massenmord in Oslo und auf der norwegischen Insel Utøya statt, bei dem der Rechtsextremist 77 Menschen tötete. Der Täter von München informierte sich über dessen Tat. Auch die psychologische Fallanalyse des amerikanischen Psychologen Peter Langman „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“ wurde im Zimmer des 18-jährigen Jungen gefunden. Einen zunächst befürchteten Bezug der Tat zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) schlossen die Behörden aus.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich schockiert. Zugleich lobte sie die Einsatzkräfte für ihre „hoch professionelle“ Arbeit. Nun gehe es darum, die Morde vollständig aufzuklären. Deutschland trauere „mit schwerem Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden“, sagte Merkel. Sie fügte an die Adresse der Angehörigen hinzu: „Wir denken an Sie, wir teilen Ihren Schmerz, wir leiden mit Ihnen.“

Eiffelturm erstrahlte in den deutschen Nationalfarben

Nahe dem Tatort in München legten zahlreiche Menschen zum Gedenken an die Opfer Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Der Eiffelturm in Paris erstrahlte am Samstagabend in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold. Präsidenten und Regierungschefs sowie Prominente und Sportler weltweit drückten den Hinterbliebenen ihr Beileid aus und verurteilten den Amoklauf scharf.

Auf Hass dürfe nicht mit Hass reagiert werden, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller der „Welt am Sonntag“. Außerdem könne eine Großstadt wie Berlin nicht an jede Ecke einen Polizisten stellen. „Ebenso wenig können Sozialarbeiter überall einen Blick hineinwerfen“, sagte der SPD-Politiker.

Der Täter war für die Sicherheitsbehörden ein unbeschriebenes Blatt. „Gegen ihn waren bisher keine polizeilichen Ermittlungen bekannt“, sagte de Maizière. „Und es gibt auch keine Erkenntnisse der Nachrichtendienste über diese Person.“ Möglicherweise sei der junge Mann gemobbt worden. De Maizière machte brutale Internetvideos und Computerspiele für Gewaltexzesse wie in München mitverantwortlich. (dpa)