Nizza/Rio de Janeiro

Nizza-Attentäter plante Anschlag mit Komplizen

Französischer Staatsanwalt: Angreifer bereitete Tat monatelang vor. Verfahren gegen fünf Verdächtige

Nizza/Rio de Janeiro. Schon in den vergangenen Tagen ließen Meldungen die Zweifel wachsen, ob der Attentäter von Nizza allein gehandelt hatte. In den Momenten vor der brutalen Fahrt mit einem Lastwagen durch die Menschenmenge an der Promenade soll Mohamed Lahouaiej-Bouhlel eine SMS verschickt haben: Er brauche „mehr Waffen“. Gab es ein Terrornetzwerk, das Nachschub hätte liefern können?

Das jendenfalls sieht die französische Staatsanwaltschaft inzwischen so. Der Attentäter von Nizza hatte nach ihrer Einschätzung mindestens fünf Komplizen. Sie hätten ihn monatelang bei der Vorbereitung unterstützt, sagte Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins am Donnerstag in Paris. Die Helfer, ein albanisches Paar, ein Tunesier und zwei Franco-Tunesier, seien festgenommen worden. Gegen sie werde ermittelt. Zwei der mutmaßlichen Helfer waren vor dem Anschlag mit dem Attentäter in dem gemieteten Lkw. Damit hatte Lahouaiej-Bouhlel 84 Menschen getötet, bevor Polizisten ihn erschossen.

Die Justiz wertete nun Kommunikationsdaten und Fotos aus. So wurden auf einem Handy des Attentäters Bilder von zwei Feuerwerken und einem Konzert auf der Strandpromenade von Nizza im Sommer 2015 gefunden, der Fokus lag dabei jeweils auf der Menschenmenge. Er hatte auch einen Zeitungsartikel gespeichert, bei dem es um einen Mann ging, der mit einem Auto auf eine Restaurantterrasse raste. Mehrfach war in den Tagen nach dem Attentat über die Motive der Gewalt und das mögliche Netzwerk dahinter diskutiert worden. Bislang gingen viele davon aus, dass sich Lahouaiej-Bouhlel erst in den Wochen vor der Tat radikalisiert hatte. Nachbarn sagten aus, der Mann habe nie eine Moschee besucht, habe Alkohol getrunken und Schweinefleisch gegessen – das passte nicht ins Bild eines Islamisten. Erst kurz vor der Tat soll Lahouaiej-Bouhlel auf Alkohol verzichtet haben.

Hinzu kamen Berichte seiner Familie, die hervorhob, dass Lahouaiej-Bouhlel wegen einer psychischen Erkrankung Medikamente genommen habe, die Ärzte bei Fällen von Schizophrenie verschrieben. Doch die These des „blitzradikalisierten Einzeltäters“ gerät durch die neuen Erkenntnisse ins Wanken. Die Wendungen im Fall Lahouaiej-Bouhlel bekräftigen, wovor auch Sicherheitsbehörden warnen: Es lassen sich nur schwer klare Muster von Attentätern ausmachen. Widersprüche gehören auch zum Handeln von Terroristen, es mischen sich psychologische Störungen mit politisch-religiösem Fanatismus.

Zudem zeigt der Anschlag von Nizza, dass Klarheit über Tathergang und Täternetzwerke erst mit den Tagen der Ermittlungen wächst. Polizisten werten Handydaten und beschlagnahmte Computer aus, befragen Zeugen und analysieren die Spuren vom Tatort und in der Wohnung des Täters. Möglich, dass weitere Einzelheiten über mögliche Komplizen und Kontakte zu terroristischen Vereinigungen erst in den kommenden Tagen bekannt werden.

In einem Pariser Vorort haben Anti-Terror-Ermittler unterdessen zwei Objekte durchsucht. Dabei seien Beamte einer Spezialeinheit eingesetzt worden, berichtete France Info. Mehrere Personen wurden festgenommen.

Brasilien: Polizei nimmt Terrorverdächtige fest

In Brasilien hatte das Attentat von Nizza für besondere Aufmerksamkeit gesorgt. Dort beginnen in zwei Wochen die Olympischen Spiele. Die Sicherheitsbehörden des südamerikanischen Landes verschärften nach dem Angriff in Frankreich die Anti-Terror-Maßnahmen – offenbar mit einem ersten Erfolg. Die brasilianische Bundespolizei hat nach einem Medienbericht mehrere Terrorverdächtige festgenommen, die einen Anschlag auf die Olympischen Spiele geplant hatten. Wie das Portal „O Globo“ am Donnerstag berichtete, habe die zehnköpfige Gruppe bereits an konkreten Plänen für einen Angriff gearbeitet und sei auf Basis eines erst kürzlich eingeführten Anti-Terror-Gesetzes festgenommen worden.

Den Angaben zufolge wurden die Verdächtigen auch auf Twitter und Facebook überwacht. Dort sollen sie sich unter anderem zu Anschlagszielen und Waffenkäufen, etwa Kalaschnikows, geäußert haben. Sie sollen aber auch Messenger-Dienste wie WhatsApp genutzt haben, um sich über die Anschläge in Orlando und Nizza auszutauschen.

Die festgenommenen Verdächtigen sind nach Angaben des Justizministers Alexandre de Moraes brasilianische Staatsbürger. Kürzlich hatte eine Gruppe in Brasilien dem „Islamischen Staat“ die Unterstützung versichert. Die Gruppe nennt sich Ansar al-Khilafah Brazil, sie soll einen Eid auf die Terrormiliz geschworen haben. Insgesamt rund 85.000 Sicherheitskräfte sollen die ersten Olympischen Sommerspiele in Südamerika im August schützen.