Politikbetrieb

Was Petra Hinz zum gefälschten Lebenslauf motivierte

Das Phänomen, sich mit falschen Federn zu schmücken, ist in der Politik nicht neu. Experten erklären, warum die Versuchung zu groß ist.

Die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD) manipulierte ihren Lebenslauf.

Die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD) manipulierte ihren Lebenslauf.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Essen.  Was bringt eine SPD-Politikerin wie Petra Hinz dazu, ihren Lebenslauf zu fälschen und mit dieser Lüge jahrzehntelang zu leben? Zumal am Mittwoch noch ihr Parteigenosse und Essens SPD-Vorsitzender Thomas Kutschaty öffentlich versicherte: „Wir Sozialdemokraten sind stolz darauf, dass bei uns gerade kein Abitur und kein Hochschulstudium erwartet werden, um ein Mandat auszuüben“.

Petra Hinz empfand dies offensichtlich anders. „Frau Hinz muss für sich die persönliche Prognose getroffen haben, damit leichter voranzukommen“, meint der Wissenschaftsrechtler Professor Wolfgang Löwer von der Universität Bonn, der sich schon in der Vergangenheit mit Plagiatsfällen bei Politikern beschäftigt hat. Aus seiner Sicht ist das Fatale an Politikern wie Hinz, dass sie in ihrem Leben nichts anderes getan haben, als an ihrer Politikerkarriere zu basteln. „Da schien es ihr offenbar von Vorteil zu sein, sich diese Ersatzbiografie zu verschaffen.“

„Politiker, die vom Politikbetrieb abhängig sind“

Löwer betrachtet nach eigenen Worten solch reine Politikkarrieren mit Sorge. „Das sind Politiker, die am meisten vom Politikbetrieb abhängig sind und somit davon, dass sie bei der nächsten Wahl wieder aufgestellt werden.“ Ecken und Kanten, oder eine eigene Meinung könnten sie sich kaum erlauben. „Sie sind auf das Wohlwollen ihrer Partei angewiesen, weil sie sonst ins Bodenlose fallen.“

Ähnlich sieht es Politikwissenschaftler Professor Ulrich von Alemann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Politiker wollen sich, wenn sie sich mit falschen Titeln oder akademischen Abschlüssen schmücken, Vorteile im politischen Betrieb verschaffen, meint er. „Das gilt sowohl innerparteilich als auch im überparteilichen Wettbewerb.“

Alemann hat dafür klare Worte: „So etwas ist nichts anderes als Angeberei mit unlauteren Mitteln“. Für ihn ist indes völlig unerklärlich, dass die Fälschungen in Hinz’ Biografie nicht schon viel früher aufgefallen sind. Weder bei Familie, Freunden, Bekannten und auch nicht in der eigenen Partei. Zumal Hinz in der Zeit ihrer angeblichen Examensabschlüsse im Essener Stadtrat saß. „Ich kann mir das einfach nicht vorstellen“, unterstrich er. „Frau Hinz hat ihre Partei und ihre Wähler getäuscht. Der Rücktritt war überfällig“, so der Politikwissenschaftler. Wenn die Essenerin den Schritt nicht von selbst getan hätte, dann wäre es rechtlich unmöglich gewesen, ihr das Mandat zu entziehen, sagt er.

Ansprüche an Politiker sind gestiegen

Prof. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler an der Uni Köln, sieht auch die zunehmende Professionalisierung im Politikbetrieb als Erklärungsansatz. Die Ansprüche an Politiker, sich mit komplizierten Sachverhalten auseinanderzusetzen, stiegen. Mancher mag es da von Vorteil ansehen, eine akademische Ausbildung vorweisen zu können. „Der eine oder andere, der diese nicht besitzt, hat vielleicht Minderwertigkeitskomplexe“. Möglicherweise habe Petra Hinz dies auch so empfunden. „Für mich ist dies eher ein Anzeichen, wie viel Druck im Kessel, auch bei der SPD, ist“, so Butterwegge.

Er verweist aber auch auf die Geschichte der Partei. In den 1980ern und 90ern hätte es eine zunehmende Akademisierung in der SPD gegeben, die vor allem die Jusos in die Partei trugen. Einer Zeit also, als auch Petra Hinz zur SPD kam. „Das politische Leben wurde anspruchsvoller.“ Viele Genossen seien damals den zweiten Bildungsweg gegangen, um eine akademische Reputation zu erlangen. „Petra Hinz sah sich vielleicht einem Druck ausgesetzt, den es so möglicherweise gar nicht gab.“