Berlin

[KORR-Bericht] Allein in der Fremde - Auf jungen Flüchtlingen lastet großer Druck

Berlin.  Die Vergangenheit ist immer da – aber sie ist ein großes Tabu. „Es ist kaum möglich, darüber zu sprechen“, sagt Antje Meinrad*. Im Mai hat die Berlinerin die Vormundschaft für einen 16-jährigen Jungen aus Afghanistan übernommen. Er kam als Flüchtling allein in Deutschland an. Nun lebt der Teenager in einer betreuten Wohngruppe. Antje Meinrad trifft ihn zweimal in der Woche. Sie ist Ansprechpartnerin, wenn es um die Schule geht, um das Asylverfahren.

Als Vormund hat Meinrad erfahren, dass der Junge mit Schleppern kam und die Familie bei der Flucht getrennt wurde. Wo seine Eltern und Geschwister im Moment sind, weiß er nicht. Auch nicht, ob sie noch leben. „Natürlich ist für ihn jetzt eine der ganz großen Fragen: Wo gehöre ich hin?“, sagt sie. „Manchmal möchte er ganz deutsch sein und die angesagten Turnschuhe haben. Und einen Tag später will er viermal am Tag in die Moschee und den Ramadan besonders streng durchziehen.“ Dazu komme ganz normales Teenagerverhalten. „Er malt oder schmollt – und im nächsten Moment will er ein Mann sein.“

Charité kümmert sich um traumatisierte Jugendliche

Landkreise und kreisfreie Städte haben allein im vergangenen Jahr bundesweit rund 60.000 geflüchtete Teenager aufgenommen, die ohne Familie nach Deutschland kamen. Die meisten stammten aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. „Geflüchtete Jugendliche, die allein nach Deutschland kommen, haben oft bessere Startchancen als Teenager, die mit ihren traumatisierten Familien in großen Flüchtlingsunterkünften leben“, sagt Sibylle Winter, Leiterin der Trauma-Ambulanz an der Berliner Charité. Denn um Teenager ohne Verwandte kümmerten sich meist schnell Sozialarbeiter. „Auf der anderen Seite kann der Druck, der auf diesen Jugendlichen lastet, enorm sein“, ergänzt die Ärztin. „Sie vermissen ihre Eltern, die oft noch in Gefahr sind. Und sie haben Schuldgefühle, dass sie in Sicherheit sind.“ Das könne sich in Extremfällen bis zu Suizidgedanken steigern. Dazu komme häufig noch der hohe Erwartungsdruck aus der Heimat, die Verwandten nachzuholen. „Die Menschen dort verstehen doch nicht, was Asylpakete sind. Wie sollen Teenager ihnen das erklären?“

In die Charité-Ambulanz kommen am Tag mehrere Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsunterkünften, die auffälliges Verhalten zeigen. Die Palette reicht vom Bettnässen über Aggression bis zu Gewalt gegen sich selbst. „Bei einem Drittel klingen die Symptome wieder ab, ein Drittel können wir stabilisieren. Aber ein Drittel würde eine Traumatherapie brauchen“, ergänzt Winter. Ein Problem sei, dass die Charité das nicht leisten könne.

In den Hangars in Tempelhof lebten Anfang Juli 250 Jugendliche zwischen 17 und 21. Nur 70 Jugendliche haben einen Schulplatz. Vor allem die jungen Menschen ohne Beschäftigung machen Sozialarbeitern Sorge. Als mögliche Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen, aber auch als Täter. Ohne Perspektive und Ziel seien sie leichter für kriminelle Machenschaften zu gewinnen.