Politik

Die Schreibschrift bleibt auf der Strecke

Sie scheint die Verliererin der digitalen Entwicklung unserer Kommunikationsmittel zu sein. Wir sollten sie erhalten

In Schulen und Universitäten ändert die Digitalisierung nicht nur das Lernen, den Umgang miteinander und die Themenrecherche, sondern auch unser Verhältnis zur Schrift. Das Tippen auf dem Smartphone hat sich fast durchgesetzt. Das allgegenwärtige Social Web bietet neben den Buchstaben weit mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken. Immer mehr werden unsere Buchstaben mit Symbolen, Bildern und Emojis vermischt. Im Zeitalter von Computern, Tablets und Smartphones wird die Schreibschrift im Beruf und im Privaten zunehmend zurückgedrängt.

Manche Länder und ihre Schulen haben bereits auf die Tendenz reagiert. So soll ab Herbst 2016 in Finnland an den Grundschulen das Tippen auf der Tastatur neben einer Grundschrift vermittelt werden. Schaut man heute in unsere Hörsäle, so stehen auf den Tischen aufgeklappte Laptops, und das Smartphone liegt bereit, die Formeln an der Tafel abzufotografieren. Nach Workshops gibt es das Fotoprotokoll. Es ist schnell austauschbar mit den Kommilitonen. Selten sieht man Menschen mit dicken Schreibblöcken unter den Armen, in denen sie ihre Notizen handschriftlich festgehalten haben.

Wohin führt das, und welche Effekte hat das für das Lernen unserer Kinder im digitalen Zeitalter? Einerseits hat der Austausch durch die sozialen Medien den Vorteil, dass mehr geschrieben, also getippt wird. Denn fest steht, so meine Beobachtungen, dass heute viel mehr „Briefchen“ per Messenger oder einer anderen Social-Media-Plattform geschrieben werden als Briefe auf Papier vor 20 Jahren. Und die Schreiber werden immer jünger. Es geht schneller, unkomplizierter, vernetzter und ist billiger. Nur eines bleibt auf der Strecke: die Schreibschrift.

Sie scheint die Verliererin der digitalen Entwicklung unserer Kommunikationsmittel zu sein. Nicht nur das: Bald schon werden auch Tastaturen ein altmodisches Eingabeinstrument sein. Durch die rasante Entwicklung der Sprachprogramme ist es zudem möglich, schnell und sicher mündliche Sprache in einen Text zu verwandeln – ohne dass man nur einen Buchstaben selbst eingegeben hat. Künftig werden wir über Gesten, Augenzwinkern, Fußbewegungen Aktionen steuern – also auch das Texteschreiben. Und die Entwicklung geht noch weiter, wenn mit Kappen Gehirnströme ausgelesen und über diese und den angeschlossenen Rechner Buchstaben ausgewählt werden können, die sich zu Worten und Sätzen zusammenfügen – ohne dass der Mensch tippt oder sich bewegt.

Doch wie nehmen wir das auf, was wir nicht mehr aufschreiben, sondern in die Tastatur eingeben oder schnell abfotografieren? Bleibt es so in unserem Gedächtnis haften wie bei beim handschriftlichen Abschreiben der Formel von der Tafel? Lernen unsere Kinder, die zuerst mit der Druckschrift und erst später mit der Schreibschrift in Berührung kommen, anders, mehr oder weniger?

Fest steht, dass durch die eigene Wiedergabe des Gedankens in Form der Schreibschrift eine bewusste Beschäftigung stattfindet, die fester im Gedächtnis verankert wird, als der Tweet, den man in wenigen Sekunden tippt. Schreibschrift ist auch Bestandteil unserer Kultur, unserer Geschichte und zeigt immer auch das Individuelle, den ganz eigenen Stil. Die zahlreichen Tagebücher von Harry Graf Kessler (1868–1937) – gegenwärtig im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor zu sehen – sind ein beeindruckendes Beispiel dafür.

Wägt man alle Vor- und Nachteile ab, so sollten wir in den Schulen und Universitäten die Schreibschrift nicht verbannen. Sie ist nicht nur ein individuelles Ausdrucksmittel und ein Archiv unserer Gedanken, sondern auch ein Lernmittel, auf das wir nicht verzichten sollten. Gleichzeitig sollten wir unseren Kindern den Zugang zur modernen Technik nicht verwehren. Auch hier bedarf es einer Kultur der Schrift und eines gelernten Umgangs damit. Es ist besser zwei „Schriften“ anwenden zu können, als nur mit dem Federkiel oder nur über die Tastatur zu kommunizieren.