Cleveland

Polizistenmörder wollte Vergeltung üben

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Hautkapp

Irak-Veteran Gavin Eugene Long rief nach Gewalt gegen Afroamerikaner zur Selbstjustiz auf

Cleveland. Im Internet schwang er unter dem Pseudonym „Cosmo Setepentra“ teils militante, teils wirre Reden und rief nach den jüngsten tödlichen Konfrontationen zwischen Polizei und Afroamerikanern zu Selbstjustiz und Revolution auf. Im echten Leben ging Gavin Eugene Long ausgerechnet an seinem 29. Geburtstag mit fatalem Beispiel voran. Der ehemalige Datennetzwerk-Experte der US-Marines, der Militär-Eliteeinheit, der vor acht Jahren im Irak stationiert war, ist der dreifache Polizistenmörder von Baton Rouge.

Aus seinen Einträgen in sozialen Netzwerken schließen die Ermittler, dass der aus dem 1200 Kilometer entfernt liegenden Kansas City stammende Schwarze aus Rachemotiven zum Sturmgewehr griff. Am Sonntagmorgen erschoss er auf einer belebten Straße im Osten der 230.000-Einwohner-Stadt im Süden der USA die Polizisten Montrell Jackson (32), Matthew Gerald (41) und Brad Garafola (45). Sie waren durch einen Notruf alarmiert worden.

An Ort und Stelle eingetroffen, ganz in der Nähe der Polizeihauptwache, empfing die Polizisten ein Kugelhagel, schreibt die Lokalzeitung „The Advocate“. Drei weitere Beamte liegen im Krankenhaus. Einer von ihnen, ein 41-jähriger Familienvater, kämpft auf der Intensivstation noch um sein Leben.

Attentäter sieht sich der Gerechtigkeit verpflichtet

Nachdem am 5. Juli der Afroamerikaner Alton Sterling in Baton Rouge bei einem Polizeieinsatz vor einem Supermarkt von zwei Beamten getötet und dabei von Passanten gefilmt worden war, schrieb der sich selbst als „spiritueller Berater“, „Diätlehrer“ und „Lebenstrainer“ bezeichnende Long auf Facebook: „Wann erhebt ihr euch endlich, damit eure Leute nicht wie die Ureinwohner ausgerottet werden?“ Den Weißen gehe es nur um „Geld und Blut“. Gewalt sei nicht „die“ Lösung – aber „eine“. Auf Twitter nahm Long schließlich sein Ende vorweg: „Nur weil du jeden Morgen aufwachst, heißt das nicht, dass du lebst. Und nur weil du deinen physischen Körper abwirfst, heißt das nicht, dass du tot bist.“ Gavin Long handelte nach Angaben von Polizeichef Mike Edmonson allein und ohne Hintermänner. Für seinen Feldzug maskierte er sich und legte eine Körperpanzerung an. Und er hinterließ die Nachricht, dass er keiner politischen Gruppe oder gar einem Terrornetzwerk angehöre: „Ich bin allein dem Geist der Gerechtigkeit verpflichtet.“

Aus Interneteinträgen schließen die Fahnder, dass der Täter sich seine letzte Inspiration für die Bluttat kürzlich in Dallas geholt haben könnte. Long war vor Ort, nachdem der Armeeveteran Micah Johnson dort am 7. Juli aus dem Hinterhalt bei einer Demonstration fünf Polizisten erschossen hatte; ebenfalls aus Vergeltung für Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Afroamerikaner. Auch Long lauerte seinen Opfern in einem Hinterhalt auf. Ob er psychisch krank war, mit einer posttraumatischen Belastungsstörung aus dem Irak zurückkehrte, ist nicht bekannt.

In Baton Rouge und darüber hinaus haben die Polizistenmorde Schockwellen ausgelöst. Das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgerschaft ist zum Zerreißen angespannt. Das Vertrauen erodiert im Eiltempo. Die Schwarzen-Bewegung „Black Lives Matter“, Katalysator der Proteste in vielen Städten, kommt unter Legitimationsdruck. Fördert sie die Gewalt gegen das Gewaltmonopol des Staates? DeRay Mckesson, einer ihrer Sprecher, weist das von sich. „Unsere Bewegung begann als Aufruf, endlich die Gewalt in diesem Land zu beenden. Der Aufruf bleibt weiter gültig.“

Dagegen steht: „Zum zweiten Mal hintereinander haben Afroamerikaner mit militärischer Ausbildung das Gesetz in die eigene Hand genommen und Cops getötet“, schrieb ein Leser der „Washington Post“, „kommt da was völlig ins Rutschen?“ Präsident Barack Obama, der nach Dallas bei einem Trauergottesdienst eindringliche Worte fand und sich vor die Polizei stellte, sprach von einem „feigen und verwerflichen Akt“.

Mit Blick auf den am Dienstag begonnenen Parteitag zur Präsidentschaftskandidatur der Republikaner in Cleveland, warnte Obama vor „aufhetzender Rhetorik“, mit der „politisch gepunktet werden soll“. Donald Trump, der nun offiziell die Nominierung für die Wahl am 8. November bekommen soll, hatte „die schwache Führung unseres Landes“ für die Tragödie in Baton Rouge verantwortlich gemacht. Die ganze Welt schaue zu, wie Amerika sich dem Abgrund nähere. Unter seiner Führung werde wieder „Recht und Gesetz“ herrschen. Wie Trump der Gewalt Herr werden will, wie er das zerrüttete Vertrauensverhältnis zwischen Polizei und gesellschaftlichen Minderheiten kitten will, sagte er nicht.

Seine Rivalin bei den Demokraten, Hillary Clinton, unterließ Schulzuweisungen. „Wir dürfen uns nicht gegenseitig den Rücken zuwenden. Wir müssen der Gewalt gemeinsam eine Absage erteilen und unsere Gemeinden stärken“, sagte sie.

Noch stärkere Reaktionen löste ein Facebook-Eintrag aus, den eines der Opfer von Baton Rouge formulierte. Er sei nach den jüngsten tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Bürgern „körperlich und emotional erschöpft“, schrieb der Polizist Montrell Jackson. „Ich liebe diese Stadt, aber ich weiß nicht, ob diese Stadt mich liebt.“ Er appellierte: „Bitte lasst den Hass nicht eure Herzen infizieren.“ Zehn Tage später wurde er Opfer des Hasses von Gavin Eugene Long. Montrell Jackson, ein Afroamerikaner, hinterlässt Frau und Kind. Es ist vier Monate alt.

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