Stille Trauer beim Gottesdienst im Berliner Dom – Protest gegen Regierung in Frankreich – Polizei in Deutschland rüstet auf

„Alles fühlt sich falsch an“

Berlin.  Ein Mädchen und eine Frau treten eng umschlungen vor die Altarstufen. Gemeinsam entzünden sie eine Kerze und bleiben noch einen Moment stehen, das Mädchen legt den Kopf auf die Schulter der Frau neben ihr. Dann setzen sie sich still in eine der Kirchenbänke.

Um der Opfer von Nizza zu gedenken, haben die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und das Erzbistum Berlin gemeinsam zu einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom eingeladen. Er richtet sich vor allem an die Schüler und Lehrer der zehn Berliner Schulen, die am vergangenen Donnerstag während des Anschlags in Nizza waren. Aber auch die Berliner und Berlin-Besucher sind zum Gottesdienst eingeladen. Noch ist unklar, ob Berliner unter den Opfern des Anschlags in Frankreich sind. Zwei Schülerinnen und eine Lehrerin der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Charlottenburg gelten auch am Montag weiter offiziell als vermisst. „Wir sind hier, fassungslos und traurig“, sagt Domprediger Michael Kösling. „Alles fühlt sich falsch an.“

Für die Schulen, deren Schüler den Anschlag auf Klassen- oder Kursfahrt miterlebt haben, sind die ersten Reihen reserviert. Still ziehen sie ein, auch das Läuten der Domglocken ist schon verstummt. Viele von ihnen halten sich an den Händen. Ob es die Schüler sind, die in Nizza waren, ist nicht klar. Für die Paula-Fürst-Schule nimmt eine Religionsklasse aus einem niedrigeren Jahrgang teil.

Ein Zeichen der Solidarität und des friedlichen Miteinanders

„Wir bringen unsere Klage vor Dich, Gott, über die ungelebten Jahre und die Träume, die nicht mehr erfüllt werden“, heißt es im Klagegebet, das Weihbischof Matthias Heinrich vom Erzbistum Berlin und Propst Christian Stäblein von der EKBO gemeinsam sprechen. Mindestens 84 Menschen sind gestorben, als der 31-jährige Attentäter mit einem Lastwagen in die Menschenmenge raste, die auf der Strandpromenade von Nizza den französischen Nationalfeiertag feiern wollte. „Es sollte ein fröhlicher Tag werden, aber es wurde ein Tag des Schreckens und der Trauer“, richtet sich Weihbischof Heinrich an den französischen Botschafter in Deutschland, Philippe Etienne, der ebenfalls am Gottesdienst teilnimmt. Heinrich erinnert an die Werte, „für die die französische Revolution einmal stehen wollte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wir lassen uns unsere Menschlichkeit nicht durch die Unmenschlichkeit einiger weniger kaputtmachen“, verspricht er.

Probst Christian Stäblein wendet sich direkt an die Schüler und Lehrer: „Da sind die unerträglichen Bilder des Schreckens, da ist dieser furchtbare Schrecken selbst, der Ihnen und Euch in Nizza widerfahren ist. Das entsetzliche Töten, das Grund und Halt geraubt hat.“ Mit dem Gottesdienst wollen die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam helfen, diesen Halt wiederzufinden. „Wir wollen uns unterhaken, damit niemand allein sein muss“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Deshalb habe das Land Berlin den gemeinsamen Trauergottesdienst vorgeschlagen, an dem auch Innensenator Frank Henkel (CDU) sowie US-Botschafter John B. Emerson und der Botschafter Isreals in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, teilnehmen. „Mit dieser Feierstunde wollen wir ein Zeichen setzen, ein Zeichen der Solidarität und des friedlichen Miteinanders“, sagt Müller. Die Antwort auf die Geschehnisse von Nizza dürfe nicht lauten, Hass mit Hass, Gewalt mit Gewalt zu vergelten.

Neben der Trauer steht der Aufruf, an Toleranz und Respekt für andere Religionen festzuhalten, im Mittelpunkt der Feier, die unter dem Titel steht: „Verbunden in der Trauer“. Der Imam Kadir Sanci als Vertreter des geplanten Berliner Hauses der drei Religionen spricht ein Gebet: „Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen du Gnade erwiesen hast und nicht derer, die fehlgeleitet sind“, betet er. „Manche wollen, dass Intoleranz, Diskriminierung und Rassismus wieder gesellschaftsfähig werden“, warnt Müller: „Lassen wir uns unser freies, tolerantes Leben in Berlin nicht kaputtmachen.“ Und Stäblein mahnt: „Der furchtbare Anschlag macht wütend, er provoziert unsere Hände, zu Fäusten zu werden – umso mehr müssen wir unseren Wunsch nach Frieden festhalten.“ Gott sei ein Gott des Friedens. „Das darf uns niemand ausreden oder austreiben.“ Er sei dankbar für das Zeichen des Miteinanders. „Ich wünsche uns, dass es ein Zeichen ist, das trägt – über die Stunde, über den Ort, über die Stadt hinaus, Hand in Hand mit dem französischen Volk.“

Kerzen auf den Altarstufenstehen für die Hoffnung

Als Zeichen der Hoffnung werden Kerzen auf den Altarstufen aufgestellt. „Wir entzünden Kerzen, wir schauen ins Licht“, sagt Domprediger Michael Kösling. Die Schüler der Paula-Fürst-Schule machen den Anfang, sie entzünden „ein Licht für die, die aus unserer Mitte gerissen sind und die wir vermissen“, je eines für die Toten, für die Verletzten, die trauernden Familien. In Zweier- und Dreiergruppen gehen die Schüler nach vorn, nehmen die Kerzen an, stellen sie ab. Michael Müller und der französische Botschafter stellen ebenfalls eine Kerze auf, „ein Licht für die Stadt Nizza und die Menschen in Frankreich“. Den Abschluss macht Weihbischof Heinrich mit einem „Licht dafür, dass Gott uns niemals allein stehen lässt“. Als alle Kerzen brennen, fassen sie sich an den Händen, und auch die Gemeinde steht auf und nimmt sich an den Händen. Einen großen Kreis sollen sie bilden, um in der Schweigeminute zusammenzustehen. Ein bewegender Moment. Selbst die Kameras der Fotografen sind für einen Moment ganz still. Als alle wieder auseinandergehen, wischen sich viele Gottesdienstbesucher ihre Tränen ab.

Es ist eine stille Feier. Ganz leise spielt die Orgel zum Abschluss Edvard Griegs „Valse“. Dann verlassen die Besucher den Berliner Dom, wortlos gehen die Schüler nebeneinander ins Freie. Einige Eltern und Lehrer bleiben noch zusammen stehen, ein paar Wortfetzen sind zu hören, „völlig durch den Wind“, „ganz durcheinander“. Ihre Kinder, ihre Schüler müssen erst einmal wieder in einen Alltag zurückfinden, der nicht von den Erlebnissen ihrer Mitschüler in Nizza geprägt ist.

Vor der Tür steht schon eine Schlange von Menschen. Sie alle wollen in den Dom, der an diesem Tag erst um 14.45 Uhr wieder öffnet. Es sind Touristen, unbeschwert auf Entdeckungstour durch Berlin. So wie die Schülergruppen aus Berlin in Nizza. Bis zum vergangenen Donnerstag.