Anschlag

Warum trifft der Terrorismus immer wieder Frankreich?

Seit mehreren Jahren erschüttern Attentate das Land. Die Gründe liegen im massiven Anti-Terror-Einsatz – und in der eigenen Geschichte.

Erklärte dem IS den Krieg: Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande.

Erklärte dem IS den Krieg: Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande.

Foto: Eric Gaillard / Pool / dpa

Berlin/Paris.  Der Anschlag in Nizza traf die französischen Sicherheitskräfte nicht ohne Vorahnung. Mehrere Anti-Terror-Übrungen hatte es allein in den vergangenen Monaten in der Stadt gegeben – im Februar, bevor die Menschen dort Karneval feierten, im Vorfeld der Cannes-Festspiele in der Region und auch der Fußball-Europameisterschaft. Zum Nationalfeiertag sicherten in Nizza fast 2000 Beamte die Promenade. Es hat am Ende nichts genutzt. Mehr als 80 Menschen starben bei dem Anschlag mit einem Laster am Donnerstagabend.

Und eine Frage drängt sich auf: Warum immer wieder Frankreich? Nach der Attacke durch Al-Qaida-Kämpfer auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“, nach den dschihadistischen Anschlägen im November 2015 in Paris. Schon in den Jahren zuvor hatte es Messeranschläge auf Polizisten oder den Angriff durch Islamisten auf eine jüdische Schule gegeben. Diesmal gibt es nach aktuellen Erkenntnissen keinen Bezug des Täters zu radikalislamistischen Gruppen. Es ist nicht einmal klar, ob der Täter überhaupt Islamist war. Vieles spricht für einen Amoklauf. Und doch: Tathergang, Ziel und Zeitpunkt sind Muster, die auch auf einen politischen Anschlag hindeuten können. Klar ist: Islamisten haben Frankreich im Visier – mehr als jeden anderen europäischen Staat. Die USA, sagen Terrorexperten, sei für radikale Islamisten der „große Satan“. Der „kleine Satan“ sei Frankreich. Warum ist das so?

1. Frankreichs Anti-IS-Krieg

Kein anderer Staat außer den USA engagiert sich militärisch so stark gegen Terrorgruppen wie Frankreich. In Syrien und Irak fliegen Kampfjets Angriffe auf das Territorium des selbst ernannten „Islamischen Staates“. In der „Operation Barkhane“ sind derzeit 3500 französische Soldaten im Anti-Terror-Einsatz in Mali, Niger, Tschad und Mauretanien und gehen gegen bewaffnete Terrormilizen vor. Nach dem Attentat von Paris im November rief Präsident François Hollande den „Krieg gegen den IS“ aus. So scharf formulierte das kein anderes Staatsoberhaupt. Der IS ist in einem Territorium durch die Angriffe geschwächt. Doch die Terroristen antworten nun mit Attentaten in Europa: In ihrer Propaganda erklären sie Frankreich noch zum EU-Angriffsziel Nummer 1. Die Gruppen verbreiten Drohvideos, in denen französische Dschihadisten auftraten. Zumal: Frankreich ist für Islamisten aus den IS-Gebieten oder Nordafrika einfacher zu erreichen ist als die entfernte USA und Großbritannien. Hollande kündigte nun an, den Einsatz in Syrien und Irak noch auszuweiten. Droht eine Spirale der Gewalt?

2. Anti-Terror-Kampf im Inland

Mit der gleichen Wucht wie in Afrika oder Nahost geht Frankreich auch gegen Islamisten im Inland vor: Notstand, Razzien, Verhaftungen, Gesetzesverschärfungen. 10.000 Soldaten kontrollieren das Land, der Etat der Armee wurde um fünf Milliarden Euro aufgestockt. Doch manche Experten fragen nun: Wie effektiv ist der Anti-Terror-Kampf? Bis Juni fanden 3500 Hausdurchsuchungen statt, 600 Prozesse vor Gericht folgten. Doch in nur 67 Fällen reichten die Beweise für Strafen. Dagegen hätten die hitzigen Debatten die sozialen Spannungen in Frankreich verschärft, sagt Ronja Kempin von der Stiftung Wissenschaft und Politik unserer Redaktion. „Bürger verdächtigen sich gegenseitig, Terrorsympathisanten zu sein, falsche Anzeigen führen zu willkürlichen Verhaftungen.“ Gleichzeitig sind Polizei, Armee und Justiz am Limit ihrer Belastbarkeit. Es fehlt nach Angaben von Kempin etwa Zeit für Training von Sicherheitskräften. Kritik gibt es auch an der Arbeit des Geheimdienstes. „Die Informationen über potenzielle Terroristen werden zu wenig ausgetauscht mit anderen Behörden“, sagt Frankreich-Expertin Kempin. Es herrsche stattdessen „Abschottung“. Doch die Regierung traue sich nicht an die notwendigen Reformen.

3. Faktor Kolonialgeschichte

Wie auch beim Anschlag in Nizza kommen die Eltern oder Großeltern der Täter häufig aus Algerien, Marokko oder Tunesien – Frankreichs frühere Kolonien. Spätestens seit dem Anschlag von Mohamed Merah auf jüdische Schulkinder 2012 debattiert das Land über den Umgang mit einzelnen Radikalen mit dieser Migrationsgeschichte. Der Islamforscher Olivier Roy hebt hervor, dass diese Jugendlichen der zweiten oder dritten Generation gerade nicht mit den Werten des Islam aus ihren arabischen Kulturen erzogen wurden – Religion sei nur Vorwand für Gewalt. Roy spricht stattdessen von einer „Islamisierung der Radikalität“ in Frankreich. Andere wie der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel sehen dagegen eine „Radikalisierung des Islam“. Und diese Radikalität sei in einzelnen Moscheen lange unbeobachtet geblieben, sagt Kempin. Da Frankreich ein betont laizistischer Staat sei, hätten sich die Behörden nicht zuständig für die islamischen Gemeinden gefühlt. „Wer sich radikalisieren wollte, konnte das ausnutzen.“ Der Laizismus führt auch zum strikten Verschleierungsverbot in der Öffentlichkeit. Doch statt einer „Gleichheit aller“ würden das manche Muslime als Anti-Islam-Agitation verstehen, so der US-Thinktank „Brookings Institution“. Daraus könne Hass gegen eine Gesellschaft erwachsen, zu dessen Werten sich jedoch die allermeisten Muslime klar bekennen.

4. Ausgrenzung von Migranten

Einig sind sich die Experten über eine soziale Ungleichheit, die vor allem Jugendliche aus Nordafrika trifft – und bei manchen ein Faktor für ein Abtauchen in islamistische Szenen sein kann. Als die Wirtschaft seit den 60er-Jahren boomte, waren Arbeiter aus den Ex-Kolonien willkommen. Das Land baute ihnen Trabantenstädte, damals mit moderner Ausstattung, viel Grün drumherum. Dann kam die Krise, die Vorstädte mit den vielen Migranten verwahrlosten. Ein „neues Proletariat“ entstand. Eine Zahl macht das besonders deutlich: Zehn Prozent aller Franzosen sind derzeit arbeitslos – doch fast die Hälfte aller jungen Erwachsenen aus nordafrikanischen Familien findet keinen Job.