Staatsbesuch

Kirgistan: Die Kanzlerin zu Gast in Putins Hinterhof

In Kirgistan unterstützt Angela Merkel die Bemühungen um Stabilität und Demokratie. Die Annäherung an die EU bleibt aber schwierig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Präsident der Kirgisischen Republik, Almasbek Atambajew, und dessen Ehefrau (r.) in Nähe von Bischkek.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Präsident der Kirgisischen Republik, Almasbek Atambajew, und dessen Ehefrau (r.) in Nähe von Bischkek.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Bischkek.  Almasbek Atambajew hat einen großen europäischen Traum – er wünscht sich einen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok. „Und im Süden bis Kirgistan“, sagt der Präsident. „Die Welt ist leider fragil“, sagt er aber auch. Man spüre die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts und der Unstimmigkeiten zwischen der EU und Russland. Angela Merkel (CDU) steht an seiner Seite: „Ich werde das jedenfalls unterstützen“, sagt sie. Das wollte er hören, mehr konnte der kirgisische Präsident nicht erwarten.

Für Merkel war es ein kleiner Stopp, für Kirgistan eine große Sache: Erster Besuch einer deutschen Kanzlerin. Das zentralasiatische Land möchte raus aus dem toten Winkel der Politik. Allein, Kirgisistan ist wie eingemauert im Hinterhof Russlands, Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsnation wie Weißrussland, Kasachstan und Armenien. Seit der Ukraine-Krise weiß man, wie scharf Russlands Präsident Wladimir Putin darauf achtet, dass es so bleibt. Atambajew ist ein Mann, der gerade die Grenzen seiner Unabhängigkeit auslotet.

Atambajews Sehnsucht nach Europa wird Sehnsucht bleiben

Er gehe „einen anspruchsvollen Weg“, weiß Merkel. Das gilt es zu würdigen – deswegen der Halt in Bischkek auf dem Flug zum ASEM-Gipfel in die Mongolei. Dort trifft sich die EU mit den asiatischen Staaten. Merkel würde Kirgistan aus der Einflusssphäre Putins gern heraushelfen. Die Kirgisen wären dankbar dafür, die Mongolen wohl auch. Sie fühlen sich als „Ponys zwischen zwei Elefanten“, zwischen Russland und China.

Aber mehr als 500.000 Kirgisen schlagen sich als Wanderarbeiter in Russland durch. Ihre Überweisungen machen einen Großteil der Devisen-Einnahmen aus. Russland verdankt man schätzungsweise ein Drittel des Bruttoinlandprodukts. Würde Putin heute den Gashahn abdrehen, würden in der Hauptstadt Bischkek und woanders die Lichter ausgehen, womöglich buchstäblich. Ob der wirtschaftliche Abhängigkeit ahnt man: Atambajews Sehnsucht nach Europa wird genau das bleiben, eine Sehnsucht.

Merkel traf in Bischkek Vertreter der Zivilgesellschaft

Nach zwei Umstürzen – 2005 und 2010 – gilt das Land als der liberalste Staat in der Region und als Demokratie. Die letzten Wahlen verliefen nach allgemeinem Urteil frei und friedlich. „Nicht selbstverständlich“ in dieser Region, wie Merkel weiß. Deswegen ist sie hierher statt nach Kasachstan im Norden, Usbekistan im Westen oder Tadschikistan gereist, allesamt Nachbarstaaten, die mehr oder weniger autokratisch regiert werden. Es ist schätzungsweise das 76. Land, das Merkel in ihrer Amtszeit besucht. Die Wirtschaft hat sie nicht angelockt. Ökonomisch ist – anders als in der rohstoffreichen Mongolei – nicht viel zu holen. Der Handel mit Deutschland betrug im vergangenen Jahr 64 Millionen Euro. Platz 146 im Ranking der Handelspartner.

Merkel traf in Bischkek Vertreter der Zivilgesellschaft, besuchte auch ein Ausbildungsprojekt und kam mit Vertretern der Deutschstämmigen zusammen: etwa 9000 Menschen. In der Stalin-Ära waren viele Deutsche nach Kirgisistan deportiert worden.

Rund 80 Prozent der Einwohner sind sunnitische Moslems. Von einer schleichenden Islamisierung ist die Rede. Im Zeitalter des islamischen Terrorismus wird das registriert, Unterentwicklung und religiöser Fanatismus sind Treiber von Radikalisierung. Ein Grund mehr, das Land zu stabilisieren.