Bundeskanzlerin

Merkel traf Flüchtlingsmädchen Reem noch einmal

Vor einem Jahr weint Flüchtlingsmädchen Reem, weil Merkel sagt, dass Deutschland nicht alle aufnehmen kann. Danach geschah einiges.

„Gut leben in Deutschland“ hieß die Gesprächsreihe der Bundesregierung, und die Kanzlerin erfuhr hautnah von der quälenden Ungewissheit des Flüchtlingsmädchen Reem, ob sie weiterhin überhaupt in Deutschland leben kann. Die Konfrontation mit dem weinenden Mädchen wirkte nach.

„Gut leben in Deutschland“ hieß die Gesprächsreihe der Bundesregierung, und die Kanzlerin erfuhr hautnah von der quälenden Ungewissheit des Flüchtlingsmädchen Reem, ob sie weiterhin überhaupt in Deutschland leben kann. Die Konfrontation mit dem weinenden Mädchen wirkte nach.

Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung / dpa

Rostock/Berlin.  So etwas hatte die Kanzlerin noch nicht erlebt. Es ist ein besonderer, ein seltener, für Politiker hochsensibler, heikler Moment: Mit einem Satz bringt Angela Merkel ein Flüchtlingsmädchen zum weinen, vor laufender Kamera. Man sieht, wie leid das der mächtigen Frau tut und wie sie versucht, das Kind zu trösten. Doch sie kann nicht aufhalten, was dann passiert: In den sozialen Medien bricht ein Sturm aus Entrüstung, Spott und Häme los. Merkel, die Gnadenlose, Gefühllose. Das war am 15. Juli 2015. Ein Jahr danach sieht vieles besser aus. Zumindest für Reem Sawihl.

Was war passiert? Merkel war nach Rostock gefahren, um mit Schülern im Alter von 14 bis 17 Jahren in einem sogenannten Bürgerdialog über aktuelle, brennende Themen zu reden. Die Palästinenserin Reem aus dem Libanon sagt in astreinem Deutsch: „Ich möchte studieren (...). Es ist wirklich sehr unangenehm zuzusehen, wie andere das Leben genießen können und man es selber halt nicht mitgenießen kann.“ Und: „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht.“ Damals hatte Reem nur eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung.

Merkel damals: „Das können wir nicht schaffen“

Merkel antwortet: „Das ist manchmal auch hart, Politik (...) Du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch, aber du weißt auch, in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende. Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen und Ihr könnt alle aus Afrika kommen (...) Das können wir auch nicht schaffen.“ Bei Reem fließen Tränen, Merkel will trösten. Nach außen mag das unbeholfen wirken, weil sie sagt, dass sie Reem einmal streicheln möchte. Es ist ein außergewöhnlicher Moment, die Kanzlerin ist vielleicht überfordert. Unter #Merkelstreichelt wird massenhaft kommentiert, was da passiert ist.

Der SPD-Vize Ralf Stegner mahnte als Lehre eine humanere Flüchtlingspolitik an.

Reem „würde ihr Danke sagen wollen“

Und wie empfand Reem das? Der „Bild am Sonntag“ sagte sie für die nächste Ausgabe: „Sie hat damals sehr viel Kritik dafür bekommen, dass sie mich gestreichelt hat. Aber es war sicher auch für sie aufregend und eine besondere Situation. Ich würde ihr einfach nur Danke sagen wollen. Von mir und meiner Familie, aber auch von all den Flüchtlingen, denen sie geholfen hat. Das war für sie und Deutschland alles nicht so einfach, und ich danke Frau Merkel sehr dafür.“

All die anderen Flüchtlinge. Etwa eine Million Menschen kam allein im vorigen Jahr nach Deutschland. Merkel wurde zur „Flüchtlingskanzlerin“, öffnete Türen und Herzen – während ihre Union in eine Krise stürzte und sich Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union heftige Auseinandersetzungen lieferten.

Im Fall von Reem hat sie aber nicht getan, was eine Versuchung hätte sein können: sich als Kanzlerin persönlich für das schon so gut integrierte Kind und seine Familie einzusetzen – oder es wenigstens zu versprechen. Merkel blieb in der Sache hart. Deswegen musste Reem weinen. Im Dezember wurde bekannt, dass die damals 14-Jährige von den Behörden einen sogenannten Aufenthaltstitel bekommen hat, der bis Oktober 2017 gültig ist. Damit ist auch ein Aufenthaltsrecht für Reems Eltern und ihren Bruder verbunden.

Reem bei Merkel: Keine Angaben zu Gesprächsinhalt

Nachdem das geklärt war, lud Merkel Reem ins Kanzleramt ein. Was sie nach den Osterferien miteinander besprochen haben, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert nicht. Diesmal war das Gespräch persönlich. Keine Kameras, keine Journalisten. Bis jetzt war nicht einmal bekannt, dass es dieses weitere Treffen gegeben hat.

Manche sagen, die Begegnung mit Reem sei ein Grund für Merkels Willkommenskultur und ihr „Wir schaffen das“ gewesen. Für ihre Entscheidung in der Nacht zum 5. September, in Budapest festsitzende syrische Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Das sei konstruiert, heißt es in Merkels Umgebung. So berührend der Moment mit Reem damals gewesen sei – Merkel hätte sich auch ohne dieses Erlebnis später so entschieden. Und das sogenannte Dublin-Verfahren, wonach Flüchtlinge dort Asyl beantragen müssen, wo sie erstmals EU-Boden betreten, habe Merkel auch schon vorher in Zweifel gezogen.

Rostocks Oberbürgermeister lobt Reem

Nun steht Deutschland ein langer Integrationsprozess mit seinen Flüchtlingen bevor. Dafür gilt Reem als Vorbild. Der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) sagt: „Reem Sawihl ist für mich das Gesicht gelungener Integration.“ Reem findet das selbst auch: „Ich würde sagen, wir haben jetzt eine zweite Heimat dazu bekommen. Im Libanon habe ich meine Kindheit verbracht, meine Familie und meine Wurzeln. Rostock ist jetzt unser Zuhause.“ Jedenfalls bis 2017. (dpa)