Trauerfeier

Obama: „Wir sind nicht so gespalten, wie es scheint“

Barack Obama hat beim Gedenken an die in Dallas ermordeten Polizisten die US-Polizei gewürdigt. Der US-Präsident war sichtlich bewegt.

Bewegt sprach US-Präsident Barack Obama bei der Trauerfeier für die getöteten Polizisten aus Dallas.

Bewegt sprach US-Präsident Barack Obama bei der Trauerfeier für die getöteten Polizisten aus Dallas.

Foto: CARLO ALLEGRI / REUTERS

Washington.  In einer eindringlichen und hoch emotionalen Rede zum Gedenken an die Opfer des Mordanschlags auf fünf Polizisten in Dallas hat US-Präsident Barack Obama die Nation aufgefordert, der „Verzweiflung“ zu widerstehen. Die US-Bürger sollten „Durchhaltewillen“ aus dem Leiden zu schöpfen und eine neue „Einheit der Mitmenschlichkeit“ eingehen. Es sei ein Vermächtnis der Opfer, so Obama im mit 2000 Trauergästen gefüllten Morton H. Meyerson Symphony Center im Zentrum der texanischen Metropole, dass wir einander ein „Herz aus Fleisch und Blut“ zeigen und kein „Herz aus Stein“. Immer wieder kreisten seine Worte um drei Begriffe: Versöhnung, Heilung, Mäßigung.

Weder seien die tödlichen Schüsse auf die Afro-Amerikaner Alton Sterling und Philando Castile, auf die sich der Armee-Veteran und Polizistenmörder von Dallas Micah Johnson ausdrücklich bezog, ein Beleg dafür, dass die Polizei in Amerika absichtlich aus rassistischen Motiven handele – „die überwältigende Mehrheit macht einen unglaublich guten Job“. Noch sei der Täter von Dallas repräsentativ für die schwarze Bevölkerung. „Ich bin hier, um darauf zu bestehen, dass wir nicht so gespalten sind, wie es scheint“, sagte Obama, mehrfach von Beifall unterbrochen.

Für die Opfer blieben fünf Stühle frei

Obamas Trauerrede vor fünf leeren, mit Flaggen geschmückten Stühlen, die an die Opfer erinnerten, war vorher als Drahtseilakt beschrieben worden. Im Land ist die Stimmung explosiv, seit Tagen kommt es bei Demonstrationen zu Ausschreitungen. Der Präsident werde zwischen Tretminen wandeln müssen, um das „Band des Vertrauens“ zwischen Polizei und schwarzer Bürgerschaft neu zu knüpfen, das „irreparabel ausgefranst“ seien, hieß es.

Obamas Ansprache – immer wieder durchsetzt mit Bezügen auf die Bibel und vorgetragen mit bisweilen pastoralem Ton – kam der Erwartungshaltung mit „Bravour“ nach, wie US-Kommentatoren im Fernsehen sagten. „Versöhnen, nicht spalten. Die bestürzte und zerstrittene Nation zusammenführen, das kann Obama wie kein anderer.“ Es liegt wohl an seiner Erfahrung.

Obamas Worte reichen nicht aus, um Waffenrecht zu ändern

Kondolieren ist für Obama zur traurigen Routine geworden. Nach Massenschießereien flog Amerikas Präsident beinahe regelmäßig an den Tatort, leistete den Angehörigen der Opfer wie auch Dienstag abseits der Kameras Beistand und bot der Nation eine Schulter, an der sie sich für einen Moment anlehnen konnte: Tröster-in-Chief.

Die Vergeblichkeitsfalle, in die sich der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten jedes Mal begab, denn nie folgten Taten, die der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Pistolen und Gewehren Schranken gesetzt hätten, hat ihn verändert. „Ich bin nicht naiv. Ich habe auf zu vielen Trauerfeiern gesprochen und zu viele Familien umarmt“, sagt er im Beisein von Präsident George W. Bush und Vizepräsident Joe Biden, „ich weiß, wie unzureichend meine eigenen Worte sind.“

„Für viele Kinder ist es leichter, eine Glock-Pistole in die Hand zu bekommen als ein Buch“

Aus dem früher kühl analysierenden Vernunftpolitiker, der seinen Standort über den Schützengräben der feindlichen Lager sah, ist ein Staatsmann geworden, der seinen Schmerz nicht mehr verbirgt. Nach dem Massaker an Schulkindern in Newtown im Dezember 2012 hatte er erstmals öffentlich Tränen in den Augen. Später folgten Zorn- und Empörungsreden über die Untätigkeit des Kongresses, der aus Angst vor der Waffenlobby jegliche Bemühungen um schärfere Gesetze notorisch unterläuft. Am Ende, vielleicht bis gestern der bewegendste Moment, stimmte er in der Kirche von Charleston, in der vor einem Jahr ein weißer Rassist neun Schwarze bei einer Bibelstunde erschoss, mit leiser Stimme eine Hymne auf Gottes Gnade an: Amazing Grace.

Auch am Dienstag formulierte Obama seine Fassungslosigkeit über eine Politik, die die Hände in den Schoß legt: „Wir fluten unsere Städte mit Waffen. Für viele Kinder ist es leichter, eine Glock-Pistole in die Hand zu bekommen als einen Computer oder ein Buch.“

Obama ließ nicht den geringsten Zweifel, dass Gewalt gegen Polizeibeamte niemals zu rechtfertigen ist. Die Sicherheitskräfte in Dallas überschüttete er mit Lob („Ich könnte nicht stolzer auf euch sein“) und stellte sich stellvertretend für alle Cops im Land vor sie: „Wir erwarten von der Polizei zu viel und verlangen uns selbst zu wenig ab.“

Für den wahren Gänsehautmoment der interkonfessionellen Feier sorgte allerdings Polizeichef David Brown, der seit Tagen wie ein Fels in der Brandung steht. Er widmete den Hinterbliebenen der fünf getöteten Kollegen Zeile für Zeile die von Liebesbeweisen strotzende Stevie Wonder-Hymne „As“ und löste damit tosenden Beifall aus.