Studie

Parteien haben seit 1990 Hälfte ihrer Mitglieder verloren

Die Parteien verlieren weiter Mitglieder. Durch kräftigen Schwund ist die SPD nun nicht mehr mitgliederstärkste Partei in Deutschland.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann (l) und der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder beim Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion. Beide müssen darüber nachdenken, wie der Mitgliederschwund gestoppt werden kann.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann (l) und der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder beim Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion. Beide müssen darüber nachdenken, wie der Mitgliederschwund gestoppt werden kann.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin.  Vor ein paar Wochen trafen sich die Generalsekretäre der etablierten Parteien in Berlin zu einer Debatte in eigener Sache: Was tun gegen den Mitgliederschwund? Die Runde übte sich wie immer in Zuversicht: Mehr Dialog und mehr Mitgliederbeteiligung sollen die Parteien attraktiver machen, und ohnehin: „Was Besseres als die Parteien hat noch keiner erfunden“, tröstete CDU-General Peter Tauber seine Kollegen.

Doch der Optimismus der Spitzenleute steht in einem seltsamen Gegensatz zur tatsächlichen Entwicklung. Eine neue Studie des Berliner Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer, die dieser Zeitung vorliegt, kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Die Mitgliederzahlen der etablierten Parteien sinken auf breiter Front. Allein 2015 ging die Zahl der Mitglieder im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um 3 Prozent zurück – in den Reihen von CDU, CSU, SPD, Grünen, Linken und FDP verschwanden 36.500 Mitstreiter, innerhalb von fünf Jahren sogar 150.000. Noch dramatischer fällt die langfristige Bilanz aus: Seit 1990 haben die Parteien zusammen die Hälfte ihrer Basis verloren – ihr Mitgliederbestand schrumpfte von 2,4 Millionen im Jahr 1990 auf heute 1,2 Millionen.

Abwärtstrend bei CDU und SPD nimmt wieder zu

Niedermayer ist einer der renommiertesten Parteienforscher Deutschlands, seine Untersuchungen gelten als besonders fundiert, weil ihm die Parteizentralen tiefen Einblick in ihre Daten gewähren. Für das Jahr 2015 ist seine Bilanz trübe. Dabei hatten die Parteien zuletzt verstärkt versucht, Mitglieder etwa übers Internet stärker zu beteiligen oder die Hürden für einen Eintritt mit Angeboten wie einer Schnuppermitgliedschaft abzusenken.

Es hat nichts geholfen: Vor allem der Abwärtstrend bei CDU und SPD, der sich im Bundestagswahljahr 2013 abgeschwächt hatte, nimmt wieder zu, schreibt der Politikwissenschaftler. Größter Verlierer war im Vorjahr die SPD, deren Mitgliederzahl um 3,7 Prozent auf 442.814 zum Stichtag 31. Dezember 2015 schrumpfte. Die CDU nahm dagegen nur um 2,9 Prozent ab, kommt jetzt auf 444.400 Mitstreiter – und ist damit wieder mitgliederstärkste Partei vor der SPD. Erstmals hatte die CDU die SPD 2008 abgelöst. Die CSU registrierte ein Minus von 1,5 Prozent (144.360), die FDP verlor 3,2 Prozent (53.197), die Grünen buchten einen Verlust von 1,5 Prozent (59.418) und die Linke schließlich von 2,6 Prozent (58.989). Vermutungen, den Parteien würden die Mitglieder einfach wegsterben, werden durch die Studie widerlegt: Bei allen Parteien mit Ausnahme der FDP übersteigt die Zahl der Austritte deutlich die Zahl sowohl der Eintritte als auch der Todesfälle.

Das Durchschnittsalter der Gesamtmitgliedschaft der sechs Parteien lag 2015 zwischen 50 und 60 Jahren, Niedermayer spricht von „Überalterung“ – allerdings waren diejenigen, die neu in die Parteien eintraten, durchschnittlich zwischen 37 und 42 Jahre alt. Nach wie vor unterrepräsentiert sind in allen sechs Parteien Frauen: Am besten schneiden noch die Grünen mit einem Frauenanteil von 38,6 Prozent ab, gefolgt von Linken (37,2) und SPD (32). In der CDU sind dagegen nur 25,9 Prozent der Mitglieder Frauen, in der FDP 22,8 Prozent und in der CSU 20,1 Prozent. Die AfD ist in der Studie nicht aufgeführt, weil die Partei ihre Daten nicht übermittelt habe, wie Niedermayer sagte. Auf Anfrage unserer Redaktion gab die AfD ihren Mitgliederbestand für Ende 2015 mit 20.102 an, ein Jahr zuvor habe er bei 12.239 gelegen; als aktuellen Mitgliederstand nennt die AfD jetzt 22.451.

Parteien sind immer weniger in der Gesellschaft verankert

Spannend ist der Blick der Studie auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern: Die SPD verlor demnach als einzige Partei Mitglieder flächendeckend in allen Ländern – am stärksten waren die Einbrüche in Thüringen (-5,4 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (-5,1 Prozent). Den stärksten Verlust aller Parteien verbuchte aber die CDU mit minus 10,8 Prozent in Bremen, gefolgt von 5,9 Prozent in Thüringen, doch gab es in Berlin auch einen leichten Zuwachs. Die FDP konnte in Bremen ein starkes und in Hamburg ein leichtes Plus verbuchen, dagegen ging es besonders in Sachsen-Anhalt und Brandenburg abwärts. Die Linke hat in mehreren Westländern Zuwächse, die stärksten Verluste aber in Sachsen.

Blickt man auf die Entwicklung seit 1990, hat es die Linke am stärksten getroffen. Sie hatte – trotz der Vereinigung von PDS und WASG – Ende 2015 vier Fünftel weniger Mitglieder als die PDS 1990. Die FDP büßte in diesem Zeitraum zwei Drittel ihrer Basis ein, die SPD mehr als die Hälfte, die CDU über zwei Fünftel und die CDU rund ein Fünftel. Nur die Grünen steigerten seit 1990 ihre Mitgliedschaft um fast die Hälfte. Der Abwärtstrend seit der Wiedervereinigung hat gravierende Folgen: „Es ist eine kontinuierlich abnehmende gesellschaftliche Verankerung der Parteien zu beobachten“, schreibt Niedermayer. 1990 waren noch 3,7 Prozent aller eintrittsberechtigten Bürger Mitglied einer der sechs Parteien, inzwischen hat sich der Anteil halbiert – auf 1,8 Prozent.

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