Gewalt eskaliert: Polizisten attackiert und verletzt, Autos angezündet, 86 Teilnehmer festgenommen

Die Nacht der Krawalle

Berlin. Die überhitzte Stimmung war von Anfang an spürbar. Schon kurz nach Start des Umzugs mit anfangs gerade 600 Menschen am Wismarplatz wurden lautstark Hassparolen gegen Polizisten skandiert. Es folgten mehrfach teils „überfallartige Angriffe mit Pyrotechnik und gezielten Würfen mit Steinen und Flaschen“, wie Beobachter feststellten. Als der unter dem Motto „Kiezdemo gegen Verdrängung“ betitelte Demons­trationszug rasch auf 2000 Teilnehmer anschwoll und im Bereich Grünberger- und Scharnweberstraße auf Hausdächern massiv Feuerwerkskörper von Maskierten gezündet wurden, erschien klar, dass diese Nacht mit schweren Krawallen enden könnte.

Und so kam es auch im bislang dunkelsten Kapitel des Berliner „Sommer-Terrors“, der als Schlagwort schon länger die Runde macht – und im Wahlkampf ums Abgeordnetenhaus zum beherrschenden Thema werden dürfte (siehe Beitrag unten). In den Konflikten rund um das teils besetzte Haus an der Rigaer Straße 94 eskaliert die Gewaltbereitschaft der linksautonomen Hausbesetzerszene: brennende Autos, verletzte Polizisten und Passanten, Anschläge gegen „Objekte der Luxussanierung“, wie man sie in der Szene nennt.

Ein vorläufiger Höhepunkt war nun in der Nacht zu Sonntag erreicht. Es habe „eine sehr aggressive und polizeifeindliche Stimmung“ geherrscht, bilanzierte die Polizei am Morgen danach. An der Spitze verknoteten teils vermummte Demo-Teilnehmer ihre mitgeführten Transparente, um so freie Bahn für Wurfgeschosse zu haben. Um 21.30 Uhr wurde an der Voigtstraße der erste Polizist durch einen Pflastersteinwurf verletzt. 122 weitere Beamte teilten bis zum Morgen dessen Schicksal. Bauzäune wurden niedergerissen, Steine aufgesammelt. Polizeisprecher Winfrid Wenzel sprach am Sonntag von einem teils „menschenverachtenden Vorgehen“ mancher Demonstranten.

700 Beamte hatte die Berliner Polizei zur Unterstützung aus Thüringen, Niedersachsen, Sachsen und Sachen-Anhalt erhalten, um die eigenen 1100 eingesetzten Polizisten zu unterstützen und Krawalle zu verhindern. Als der Umzug gegen 23.15 Uhr im Bereich Warschauer Straße vorzeitig für beendet erklärt wurde, zeigte sich bereits, dass dieses Ziel dieses Mal nicht erreicht wurde. Nicht nur, weil nach dem Aufzug Beamte weiter von Unbekannten mit Wurfgeschossen attackiert wurden. Im Bereich Liebigstraße/Weidenweg hatten Polizisten bereits nach gezielten Übergriffen Pfefferspray eingesetzt, wie auch an der Kreuzung Proskauer- und Bänschstraße, als die Polizei zur Verteidigung attackierter Beamter Schlagstöcke zücken musste.

86 Straftäter konnten aufgegriffen werden

Zuvor war die Schar der Demonstranten in der Rigaer Straße zwischenzeitlich auf 3500 Menschen angewachsen. Immerhin 86 Straftäter konnten später durch spezielle Einheiten, den Beweissicherungs- und Festnahmetrupps, aufgegriffen werden. Diese durch Foto- und Videoaufnahmen wiedererkannten Tatverdächtigen wurden vorwiegend im Bereich Warschauer Straße festgenommen, so Polizeisprecher Wenzel. Gegen drei von ihnen beantragte die Polizei den Erlass von Haftbefehlen wegen schweren Landfriedensbruchs. Es soll sich um Personen handeln, die sich wahrscheinlich auch wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen.

Kaum waren die Demonstrationsteilnehmer in unterschiedliche Richtungen abgewandert, begann eine Serie von neuerlichen Brandstiftungen und Löscheinsätzen der Feuerwehr. Zuerst stand noch vor Mitternacht an der Oderbruchstraße in Prenzlauer Berg ein geparktes Auto in Flammen. Kurz nach 1 Uhr war in Mitte ein Auto an der Kleinen Kur-straße betroffen. Fast zeitgleich zertrümmerten Randalierer im Bereich Spittelmarkt mit Pflastersteinen die Schaufenster eines Gebäudes. Noch vor 1.30 Uhr wurde an der Kreuzung Landsberger Allee Ecke Frieden­straße ein VW Caddy von Unbekannten angezündet. Minuten später brannte auch ein Auto am Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain. Gegen 1.45 Uhr löschte die Feuerwehr am Come­nius­platz das nächste brennende Auto.

In Kreuzberg sahen sich Polizisten wenig später am Mariannenplatz erneut Steinwürfen ausgesetzt, die aus einer etwa 100 Personen zählenden Gruppe erfolgten. Kurz nach 2 Uhr schwappte die Gewaltwelle nach Neukölln. Laut Polizei standen am Weichselplatz im Bereich einer Baustelle gleich drei Bagger in Flammen. Das Landeskriminalamt prüft noch aufgrund der räumlichen und zeitlichen Nähe, ob auch diese Brandstiftung mit der vorherigen Demonstration in Zusammenhang steht.

Ausgeschlossen wird dies für einen in Steglitz verübten Brandanschlag. An der parallel zur Autobahn A103 verlaufenden Robert-Lück-Straße nahe dem Steglitzer Kreisel hatten Zeugen gegen 3 Uhr der Polizei und Feuerwehr fünf Autos gemeldet, die brannten. Vier der Fahrzeuge wurden trotz Löscharbeiten komplett zerstört. Wie diese Zeitung aus Polizeikreisen erfuhr, sei diese Tat eher einem noch unbekannten Brandstifter zuzurechnen, der nicht politisch motiviert zündelt.

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