Sommerinterview

Kanzlerin Angela Merkel findet zu alter Gelassenheit zurück

Die Bundeskanzlerin hat ihre Flüchtlingskrise überwunden. Angela Merkel ist auf dem Weg zu alter Form – und lächelt die Probleme weg.

Am Sonntag fand das Sommerinterview des ZDF statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich dabei souverän.

Am Sonntag fand das Sommerinterview des ZDF statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich dabei souverän.

Foto: KACPER PEMPEL / REUTERS

Berlin.  Bundeskanzlerin Angela Merkel geht davon, dass der Brexit der Briten nicht zurückgenommen wird. „Diese Entscheidung ist aus meiner Sicht gefallen“, sagte Merkel am Sonntagabend im Sommerinterview des ZDF. Jetzt müsse als nächster Schritt die britische Regierung den Antrag auf Ausscheiden aus der EU stellen, „und ich gehe jetzt davon aus, dass der Antrag gestellt wird“. Schließlich hätten ja die Briten ein Referendum gemacht „und nicht wir“. Jetzt ist London am Zug.

Es scheint so, als habe das britische „No“ zu Europa, dass die Politik in der EU kräftig durchrüttelte, der Kanzlerin ein bisschen ihre Gelassenheit zurückgegeben. Unaufgeregt und abwartend reagierte Merkel auf das Votum – das mögen die Deutschen lieber als Hektik und starke Worte. Jetzt werde Berlin zusammen mit den restlichen 27 EU-Staaten „unseren Plan von Europa entwickeln“.

Leichter gesagt als getan, angesichts der immer stärker werdenden Fliehkräfte in der EU? Im Gespräch mit ZDF-Frau Bettina Schausten lächelt Angela Merkel die Probleme weg. Nicht nur in Sachen Brexit. Führt der türkische Präsident Erdogan sie nicht vor, etwa bei seinem Besuchsverbot für deutsche Abgeordnete am Bundeswehrstützpunkt Incirlik? Merkel: „Das finde ich nicht.“ Der Dauer-Streit mit CSU-Chef Horst Seehofer? Merkel: „Dass es einen Dissens gab, ist klar, aber das Gemeinsame überwiegt.“ Und was ist mit Wladimir Putin in Russland? Merkel: „Kleine Fortschritte, aber noch nicht genug.“ Immerhin räumt die Kanzlerin ein, die letzten zwölf Monate seien „ein sehr intensives Jahr gewesen“. Aber das wars dann auch mit den trüben Gedanken.

Merkel ist wieder beliebter

Man merkt Angela Merkel an: Im Moment läuft es für die Kanzlerin wieder etwas besser. Sie sammelt bei den Deutschen neue Sympathiepunkte. Im Ranking beim ARD-Deutschlandtrend der Politikerzufriedenheit belegt die Regierungschefin gerade erst Platz drei mit 59 Prozent Zustimmung – das ist ein Plus von neun Punkten im Vergleich zum Juni und gleichzeitig Merkels höchster Wert seit September 2015, als sie bei 63 Prozent lag. Nachdem sie damals die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hatte, stürzten ihre Zustimmungswerte dramatisch ab.

Auch mit der Arbeit der Bundesregierung sind die Bürger in größerem Maße einverstanden als im Vormonat: 48 Prozent äußern sich als damit zufrieden (plus 6 Prozentpunkte). Gleichwohl ist der Anteil der Bürger, die mit Merkels Mannschaft weniger oder gar nicht zufrieden sind, mit 52 Prozent (minus 5 Prozentpunkte) noch immer höher.

Merkel gibt sich weitsichtig

Das sah eine Zeit lang ganz anders aus, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, als sogar innerhalb ihrer eigenen Partei reichlich Stimmen laut wurden, die am Willkommenskurs Merkels zweifelten. Davon ist nicht mehr viel zu hören, weshalb Merkel nun betont, es gehe in der Flüchtlingskrise nicht mehr um kurzfristige Maßnahmen, sondern ums große Ganze. „Nicht von Moment zu Moment“ gelte es nunmehr zu planen, vielmehr müsse man vor allem bei der Beseitigung der Fluchtursachen „Jahre und Jahrzehnte im Blick haben“. Merkel, die Weitsichtige.

Das klingt alles so, als denke Angela Merkel nach gut zehn Jahren im Kanzleramt noch nicht ans Aufhören – da kann es doch eigentlich keine Frage sein, dass sie bei der Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres wieder antritt, oder? Das werde „zu gegebener Zeit“ entschieden, gibt eine schmunzelnde Kanzlerin zurück. Selbst die Frage, ob sie für sich selbst schon entschieden habe, lässt sie abtropfen. Doch man wird den Eindruck nicht los, da hat jemand neue Lust am Regieren entdeckt.