Berlin

Kindern von Alleinerziehenden droht Leben in Armut

| Lesedauer: 4 Minuten
Beate Kranz

Studie: 37,6 Prozent der Haushalte müssen ihr Einkommen mit HartzIV aufstocken – Jeder zweite Vater zahlt keinen Unterhalt – Opposition appelliert an Regierung

Berlin.  Ihr Tag müsste eigentlich 48 Stunden haben, um alle Aufgaben zu meistern. Dem Kind das Frühstück machen, sich nach der Schule fürsorglich um die Sorgen oder Hausaufgaben der Kleinen zu kümmern, gleichzeitig einem Vollzeitjob nachgehen, um genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Doch dieses Ideal funktioniert bei Alleinerziehenden nur in wenigen Fällen. Im Alltag ist eher das Gegenteil der Fall: Viele können von ihren Einkünften nicht leben. Und damit droht nicht nur den Alleinerziehenden, sondern auch ihren Kindern ein Leben in Armut.

2,3 Millionen Kinder wachsen derzeit in Deutschland in einer Ein-Eltern-Familie auf – und damit in jedem fünften dieser Haushalte. Die überwiegende Mehrheit der bundesweit 1,64 Millionen Alleinerziehenden sind zu 89 Prozent Mütter. Obwohl 60,8 Prozent dieser Frauen erwerbstätig sind, reicht vielen ihr Verdienst nicht. 37,6 Prozent der Alleinerziehenden müssen ihren Lebensunterhalt durch Hartz-IV-Leistungen aufstocken. Damit sind Alleinerziehende fünfmal so häufig von Staatshilfe abhängig wie Paare, die einen Haushalt teilen. 970.000 Kinder wachsen demnach in einer Ein-Eltern-Familie auf, die Hartz-IV bezieht. Dies geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Die Untersuchung wurde mit Anne Lenze, Professorin für Jugendhilferecht an der Hochschule Darmstadt, erstellt. Die Bertelsmann-Stiftung, gegründet von Verleger Reinhard Mohn, gilt als neoliberale Denkfabrik, die zu gesellschaftlichen aktuellen Problemen aller Lebensbereiche forscht.

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden hat sich seit 2005 sogar noch verschlechtert. 42 Prozent beziehen ein Gehalt, das unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt – und damit 6,6 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. In Paarfamilien hat sich das Risiko im selben Zeitraum dagegen um 11,7 Prozent verringert. „Kinderarmut ist ganz wesentlich auf die Armut von Alleinerziehenden zurückzuführen“, fasst Bertelsmann-Vorstand, Jörg Dräger, die Studie zusammen. „Dagegen brauchen wir gezielte Maßnahmen. Nur so ermöglichen wir mehr Bildungs- und Teilhabechancen für fast eine Million betroffene Kinder.“

Zu der finanziellen Misere kommt hinzu, dass die Hälfte aller leiblichen Väter und Mütter keinen Unterhalt bezahlt. Bei weiteren 25 Prozent gehen die Zahlungen nur unregelmäßig ein oder liegen unter dem Mindestanspruch. Warum der Unterhalt nicht gezahlt wird, wurde in der Studie nicht untersucht.

Alleinerziehende leben deutlich häufiger in Großstädten als auf dem Land. So liegt ihr Anteil in Berlin bei 31,8 Prozent und in Hamburg bei 27,3 Prozent. Aber auch in den ostdeutschen Bundesländern ist ihr Anteil mit über 25 Prozent vergleichsweise hoch, während Baden-Württemberg mit 16,3 Prozent die geringste Quote aufweist. Mehr als drei Viertel der alleinerziehenden Frauen verfügen dabei über einen mittleren bis hohen Bildungsabschluss.

Die Mehrheit von 60,8 Prozent geht einem Beruf nach, ähnlich wie bei verheirateten Müttern, bei denen die Quote 60,6 Prozent beträgt. Die meisten Alleinerziehenden (58 Prozent) haben einen Teilzeitjob, da sie andernfalls die Mehrfachbelastung von Kinderfürsorge, Erwerbsarbeit und Haushalt nicht bewältigen könnten. Im Schnitt arbeiten sie jedoch 29,5 Stunden pro Woche – und damit rund fünf Stunden mehr als Mütter in Paarhaushalten.

Sofern unterhaltspflichtige Väter oder Mütter nicht zahlen, können Alleinerziehende einen sogenannten Unterhaltsvorschuss beantragen. Dabei handelt es sich um 145 Euro für Kinder bis fünf Jahre und 190 Euro für Sechs- bis Zwölfjährige. Insgesamt wurde dies im Jahr 2014 für 455.000 Kinder in Anspruch genommen. Allerdings gibt es diesen Vorschuss höchstens sechs Jahre lang – und zwar nur dann, wenn die Kinder unter zwölf Jahre alt sind. Doch diese Regelung geht an der Lebensrealität vorbei. Der Deutsche Kinderschutzbund fordert deshalb, dass alle Kinder bis 18 Jahre ohne Begrenzung Anspruch auf Unterhaltsvorschuss haben sollen. Auch Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat den Missstand erkannt, setzt sich aber nur für eine Anhebung der Altersgrenze auf 14 Jahre ein. Der Unterhalt sollte vielmehr konsequenter eingefordert werden, so Schwesig: „Es kann nicht sein, dass sich einige Väter oder auch Mütter vor dem Unterhalt ihrer Kinder drücken und ihre Verantwortung allein auf den Staat schieben.“

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, kritisiert diese Haltung in der Morgenpost: „Die große Koalition verschließt die Augen vor den Problemen der Alleinerziehenden. Um Alleinerziehende finanziell zu entlasten, braucht es jetzt zügig eine Reform des Unterhaltsvorschussgesetzes und des Kinderzu­schlags.“

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