Erst Boris Johnson, jetzt Nigel Farage: Die Gesichter der Brexit-Kampagne stehlen sich aus der Verantwortung

„Die Zündler schleichen sich davon“

Erst Boris Johnson, jetzt Nigel Farage: Die Gesichter der Brexit-Kampagne stehlen sich aus der Verantwortung

London.  Und jetzt auch noch Nigel Farage. Nachdem schon David Cameron als britischer Premierminister zurücktrat und Boris Johnson zum Rennen um den Parteivorsitz gar nicht erst antrat, nahm jetzt der Chef der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip seinen Hut. Völlig überraschend verkündete Farage am Montag, er wolle nicht länger Anführer der Ukip sein. Dabei ist das Hauptziel der Ukip, der Austritt Großbritanniens aus der EU, noch gar nicht erreicht. Während der Kampagne zum Brexit-Referendum habe er immer gesagt, er wolle sein Land zurück, sagte Farage und ergänzte: „Und jetzt will ich mein Leben zurück.“

Mancher Brite würde ihm wohl antworten: ich auch. Denn der Abtritt von Farage vervollständigt das politische und ökonomische Chaos, das durch den Ausgang der Volksabstimmung auf der britischen Insel entstanden ist.

Nun steht keine der Figuren mehr auf der politischen Bühne, die daran mitgewirkt haben, dass Großbritannien der EU den Rücken kehrt: Cameron hatte das Referendum anberaumt, Johnson hatte massiv für den EU-Austritt geworben und beide zusammen hatten sich vor allem von Farage und seiner Ukip antreiben lassen. Alle drei wollen nun mit dem politischen Schaden, den sie angerichtet haben, nichts zu tun haben.

Statt nach ihrem Abstimmungssieg mit großen Plänen und Visionen einer Zukunft jenseits der „EU-Diktatur“ unters Volk zu gehen, gingen Farage und Johnson, zwei Männer, die sonst keine Kamera auslassen, erst einmal in Deckung. Tagelang waren sie abgetaucht. Wie soll es weitergehen, welche Art von Beziehungen will man zur EU, was ist Großbritanniens künftige Rolle in der Welt? Großes Schweigen. Und dann ein Abgang ohne echten Grund.

Entsprechend vernichtend fallen nun die Kommentare aus. „Sehr feige“ nannte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn den Rückzug von Farage. „Erst lügen und hetzen, dann das Chaos anrichten und jetzt weglaufen!“, empörte sich SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer. Und der österreichische Europapolitiker Othmar Karas von der konservativen ÖVP fasste die Lage auf der Insel so zusammen: „Die Zündler schleichen sich davon.“

Abgeordneter imfernen EU-Parlament

Millionen von Briten, egal ob sie nun für oder gegen den Brexit gestimmt haben, dürften es als Schlag ins Gesicht empfinden, dass Farage und Johnson, die beiden prominenten Gesichter der Brexit-Kampagne, sie erst in eine Volksabstimmung getrieben haben und sich nun aus der Verantwortung stehlen. Im Fall von Farage trifft der Vorwurf freilich nicht ganz, denn der Mann war nie in einer Position, wirklich mitbestimmen zu können, wie der Brexit gestaltet werden soll. Farage sitzt fern von London im EU-Parlament. Im britischen Unterhaus hat seine Partei nur einen einzigen Abgeordneten – und mit dem ist er zerstritten.

Boris Johnson hätte durchaus Chancen gehabt, als künftiger Premier die Austrittsverhandlungen führen zu können. Doch er hatte keinen Plan und hat den Brexit wohl auch nie ganz gewollt. Inzwischen wirft Johnson der britischen Regierung vor, dass sie ihrerseits keinen Plan für den EU-Austritt habe. Sie müsse den Briten endlich den Vorteil eines Brexit erläutern.

Farage interessieren solche Details nicht, er fühlt sich als großer Sieger. Er habe erreicht, was er habe erreichen können, sagte der 52-Jährige am Montag gut gelaunt. „Mehr kann ich nicht tun.“ Berufspolitiker habe er ohnehin nie sein wollen. Er werde seine Partei weiter unterstützen und „wie ein Falke“ die Austrittsverhandlungen mit der EU beobachten. Es klang wie eine Drohung. Es ist schon das dritte Mal, dass Farage vom Chefposten der Ukip zurücktritt. Dieses Mal soll es aber endgültig sein.

Karikaturisten zeichnen Nigel Farage gern mit einem Pint Bier in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand, dazwischen ein glupschäugiges Gesicht mit breitem Grinsen. Der überzeugte Raucher und Biertrinker – das Aufheben des Rauchverbots in Kneipen ist Parteiziel – gibt sich jovial und volksnah, und witzig kann er auch sein. „Ich weiß, wie es ist“, pflegt der in zweiter Ehe mit einer Hamburgerin verheiratete Farage zu betonen, „in einem deutsch-dominierten Haushalt zu leben.“

Farage war als Schüler in die Konservative Partei eingetreten und war großer Verehrer von Margaret Thatcher. Er verließ die Konservativen 1992 aus Protest, als Premierminister John Major den Maastricht-Vertrag unterzeichnete. Ein Jahr später gründete Farage die Ukip, die sich immer mehr zur größten Bedrohung der Torys auswuchs: Zum ersten Mal gab es eine Partei, die den Konservativen am rechten Rand die Wähler wegfing. Farage wurde zum politischen Faktor. Der Druck, der von Ukip ausging, zwang David Cameron, dass EU-Referendum anzuberaumen.

Beim Aufstieg von Ukip spielte die persönliche Popularität von Nigel Farage keine geringe Rolle. Seine Wähler liebten seine Anti-Establishment-Attitüde. Sie schätzen den leidenschaftlichen Patriotismus des Mannes, und wenn ein bisschen Fremdenfeindlichkeit dabei durchklang, schadete ihm das nicht. Wie bei Rechtspopulisten üblich trat Farage als der fleischgewordene Protest gegen die politische Klasse auf, was bei einer großen Gruppe von Briten, die sich mit der Globalisierung nie hatten anfreunden können, gut ankam. Auf rund 15 Prozent wird dieses Wählerreservoir der „Zurückgebliebenen“ geschätzt. Bei den Unterhauswahlen vor einem Jahr konnte Ukip rund vier Millionen Stimmen gewinnen. Es bleibt abzuwarten, ob die Partei ohne ihn ihren Höhenflug fortsetzen kann.

Ebenso unklar ist, wie es jetzt mit dem Brexit-Lager weitergeht. Von den ursprünglich „drei Brexiteers“, jenen Politikern also, die an vorderster Front für den Austritt aus der EU gekämpft haben, ist nach den Rück- oder Abtritten von Farage und Johnson nur noch Michael Gove dabei. Der Justizminister hat sich neben vier anderen Kandidaten um den Parteivorsitz der Konservativen beworben und will als Premierminister eine völlige Loslösung von der EU.

Michael Gove hat sich durch Illoyalität diskreditiert

Gove, in dessen Büro die Bilder von Lenin, Malcolm X und Martin Luther King hängen, ist ein Überzeugungstäter und von den drei Brexit-Befürwortern sicherlich derjenige, der noch am ehesten einen Plan hat, wie es weitergehen soll. Er ist ein höflicher Radikaler, der für seine Ideale alles opfert – sogar seinen Mitstreiter Boris Johnson, dessen Kampagne Gove geleitet hatte, bevor sich der 48-Jährige selbst zum Kandidaten aufschwang und Johnson öffentlich der Unfähigkeit bezichtigte. Genau mit diesem Akt aber dürfte Gove seine Chancen entscheidend verschlechtert haben. Briten mögen Illoyalität nicht. „Derjenige, der das Messer schwingt“, lautet eine britische Lebensweisheit, „wird niemals die Krone tragen.“ Goves Aussichten auf den Chefposten werden jetzt von Buchmachern wie politischen Beobachtern als verschwindend bewertet. Damit wäre auch der dritte Brexiteer von der Bühne verschwunden, auf dem die Tragödie Brexit gespielt wird.