Islamischer Staat

Der IS reagiert mit Brutalität auf seinen Machtverlust

Der IS kontrolliert in Syrien und im Irak immer weniger Fläche. Also will die Terrormiliz mit Anschlägen wie in Bagdad Stärke zeigen.

Der bisher schwerste Anschlag in diesem Jahr hat ein beliebtes Viertel in Bagdad getroffen. Iraks Präsident al-Abadi droht mit Vergeltung

Der bisher schwerste Anschlag in diesem Jahr hat ein beliebtes Viertel in Bagdad getroffen. Iraks Präsident al-Abadi droht mit Vergeltung

Foto: Ali Abbas / dpa

Bagdad/Kairo.  Den Rettungskräften bot sich ein Bild des Horrors. Verkohlte Leichen, verzweifelt schreiende Verwundete und kollabierte Gebäude. Die ganze Nacht loderten haushoch die Flammen über dem Karrada-Viertel von Bagdad. Erst nach Stunden konnte die Feuerwehr der Brände Herr werden.

Zehntausende Menschen waren am Samstagabend nach dem Ramadan-Fastenbrechen in der populären Einkaufsmeile in der irakischen Hauptstadt unterwegs, saßen in Cafés, Restaurants oder in einer der beliebten Saftbars, als gegen Mitternacht die Attentäter des sogenannten Islamischen Staates zuschlugen. Ihre Megabombe war in einem Kühllastwagen versteckt. Mindestens 213 Iraker starben, darunter viele Kinder. Dutzende Menschen sind vermutlich noch unter den Ruinen verschüttet. Hunderte Passanten wurden verletzt – es war das bisher blutigste IS-Attentat auf irakischem Boden in diesem Jahr. Ein weiterer Sprengsatz detonierte auf einem Markt im Norden Bagdads und tötete zwei Menschen.

Der Megaanschlag kam nur eine Woche nach der verheerenden militärischen Niederlage der Terrormiliz in Falludscha. Noch nie seit der Gründung des „Islamischen Kalifates“ vor zwei Jahren stand die Terrormiliz militärisch so unter Druck wie in den vergangenen Wochen. Als Reaktion darauf folgen nun offenbar Anschläge in kürzeren Abständen und in größeren Dimensionen.

IS schnell aus Falludscha vertrieben

Ganze vier Wochen hatten irakische Spezialeinheiten gebraucht, um die Kalifatskrieger aus Falludscha zu vertreiben, das seit Anfang 2014 in IS-Hand war und neben Mossul als die wichtigste IS-Bastion in Mesopotamien galt. Nach dem Fall von Falludscha kontrollieren die Anhänger von Abu Bakr al-Baghdadi im Irak nur noch rund 15 Prozent des Staatsgebietes. Und Bagdads Armee rüstet für die letzte Phase, die Rückeroberung der Millionenmetropole Mossul.

Auch in Syrien erleidet der IS einen Machtverlust. Eine arabisch-kurdische Streitmacht umzingelte mithilfe von US-Kampfjets die strategisch wichtige Stadt Manbij, die bisher ein Anlaufpunkt für neue IS-Rekruten war. Dort wurden vermutlich die Mordtaten von Paris und Brüssel geplant. Die syrische Armee wiederum rückt mit russischer Luftunterstützung auf Tabqa vor, in deren Nachbarschaft das größte Wasserkraftwerk Syriens liegt, das auch die IS-Hauptstadt Raqqa versorgt.

Westliche Geheimdienste schätzen, dass mittlerweile nur noch 200 neue Dschihadisten pro Monat ins Kalifatsgebiet einsickern, im Jahr 2015 dagegen waren es durchschnittlich 2000. Umgekehrt steigt die Zahl der herausgeschmuggelten Notrufe. Über 150 rückkehrwillige Dschihadisten baten in den letzten Wochen Diplomaten westlicher Länder um Hilfe, um das IS-Gebiet verlassen zu können.

Die Kampfmoral sinkt in den Reihen des IS

Die Führung der Terrormiliz weiß, dass die Kampfmoral in den eigenen Reihen gelitten hat. In Falludschah verweigerten sich Dschihadisten den Befehlen ihrer Kommandeure und warfen ihnen über Funk Feigheit vor, wie die irakische Armee abhören konnte. Und so versuchte IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani, die Gotteskrieger in einer 30 Minuten langen Audiobotschaft zu beruhigen und gleichzeitig auf eine neue Terrorexistenz ohne eigenes Kalifat einzuschwören. Selbst wenn der IS die Kontrolle über seine Hochburgen Mossul im Irak, Sirte in Libyen oder Raqqa in Syrien verlieren sollte, wäre dies keine Niederlage, deklamierte er. „Eine Niederlage ist es nur, wenn wir die Überzeugung und den Willen zum Kampf verlieren“, sagte al-Adnani und beschwor die IS-Anhänger, den Ramadan für neue Anschläge zu nutzen – vor allem in Europa und den USA.

Zunächst aber erstreckt sich die angekündigte Terrorserie im islamischen Fastenmonat auf Bangladesch (siehe Bericht auf dieser Seite) und auf die nahöstlichen Nachbarstaaten Syriens: In Jordaniens Grenzgebiet sprengte sich am 21. Juni ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss sieben Soldaten mit in den Tod. Als Reaktion machte Amman die Übergänge nach Syrien dicht, weshalb nun 70.000 syrische Flüchtlinge, die Hälfte von ihnen Kinder, auf freiem Feld in der brütenden Sonne kampieren. Hilfsorganisationen dürfen die Menschen nicht mehr mit Wasser und Essen versorgen. Im Libanon griffen sechs Tage später, am 27. Juni, acht Terroristen das von Christen bewohnte Grenzstädtchen al-Qaa an. Sie sprengten sich nahe der Kirche und dem Bürgermeisteramt in die Luft. Fünf Bewohner verloren ihr Leben, 15 wurden verwundet. Einen Tag später dann, am Abend des 28. Juni, folgte die verheerende Attacke auf dem Istanbuler Flughafen, bei dem 45 Menschen starben und 200 verletzt wurden.

Irakische Regierung kündigt Vergeltung an

Der Anschlag in Bagdad wurde international verurteilt, unter anderem von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Der irakische Regierungschef Haidar al-Abadi kündigte bei seinem Besuch am Anschlagsort Vergeltung an, wie die Nachrichtenseite „al-Mada“ berichtete. Die Attentate des IS seien „verzweifelte Versuche“, nachdem die Terrororganisation „auf dem Schlachtfeld vernichtet worden ist“, sagte er. Aufgebrachte Menschen beschimpften ihn und bewarfen seinen Konvoi mit Steinen. Al-Abadi hatte nach der Rückeroberung der IS-Hochburg Falludscha mehr Sicherheit versprochen. Allerdings ist kein Rückgang der Anschläge zu beobachten.