Politik

Der IS sucht den Endkampf

Die verheerenden Anschläge zeigen: Die Terrormiliz ändert ihre Strategie

Ein verwundetes Raubtier, so sagt man, sei noch weitaus gefährlicher als ein unversehrtes. Dieser Erfahrungswert aus der Biologie lässt sich durchaus auf den Zustand der räuberischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ übertragen. Das mit äußerster Brutalität agierende „dschihadistische Staatsbildungsprojekt“, wie der Nahostexperte Volker Perthes den IS bezeichnet hat, konnte gut ein Jahr lang die Schreckstarre des Westens und der arabischen Welt ausnutzen, um in der syrisch-irakischen Region ein Gebiet von der Größe Großbritanniens zu erobern und seine Bewohner einem entsetzlichen Sklavenschicksal zu unterwerfen.

In den vergangenen Monaten aber hat der IS, der aus der irakischen Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida hervorgegangen war, dank eines besser koordinierten und entschiedeneren Widerstandes von Kurden, Arabern und Amerikanern ein Fünftel seines syrischen und 40 Prozent seines irakischen Gebietes verloren. Die Fläche des Kalifats schrumpft ebenso zügig wie seine Finanzquellen, etwa durch den Ölverkauf. Und an denen hängt die Bezahlung der IS-Kämpfer.

Diese prekäre Situation hat den „Islamischen Staat“ zu einer Strategieänderung gezwungen. Der Unterschied zu al-Qaida hatte unter anderem darin bestanden, dass al-Qaida weltweit für Anschläge sorgte, um möglichst überall Staaten zu destabilisieren, während sich der IS auf die Eroberung eines fes­ten Staatsterritoriums konzentrierte, um dort ein Kalifat zu errichten. Abu Bakr al-Bagdadis identitätsstiftenden Schritt vom Kommandeur zum Kalifen hatte mangels Staatsgebiet weder Osama Bin Laden noch sein Nachfolger Ayman al-Zawahiri je wagen können.

Die militärischen Niederlagen auf den Schlachtfeldern mit dem symbolträchtigen Verlust früherer Hochburgen wie Falludscha zwingen den IS nun dazu, einerseits durch verheerende Terroranschläge wie jetzt im Irak deutlich zu machen, dass man in der nahöstlichen Region nach wie vor handlungsfähig ist. Im Fall Irak kommt hinzu, dass der IS perfide die erbitterte Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten instrumentalisiert, um eine Konsolidierung des irakischen Staates zu unterlaufen. Terror gedeiht am besten im Chaos gescheiterter Staaten.

Andererseits versucht die Miliz nun, durch einen Export des Terrors ihre territorialen Verluste zu kompensieren und von ihnen abzulenken. Diese Strategieänderung ist für Europa hochgefährlich, denn die Anziehungskraft des IS und sein ideologischer Sog in Bezug auf junge, oft perspektivlose Verlierer der Globalisierung sind ungebrochen. Nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes überschreitet die Zahl der Terrorfreiwilligen aus dem Westen „alle bekannten Dimensionen“. Und der bedrängte, aber keinesfalls besiegte IS braucht weitere werbewirksame Taten wie die Anschläge von Paris, Brüssel, Istanbul und vielleicht jetzt auch in Bangladesch.

Terrorakte im Ausland laufen beim IS unter dem Etikett „Ghazwa“. Mit dem arabischen Wort für Raub, von dem sich „Razzia“ ableitet, bezeichnete der Prophet Mohammed seine Eroberungszüge. Damit wird für die IS-Attentäter eine religiöse Legitimation für Terror konstruiert. Ein brisantes, irrationales Element kommt hinzu. Der „Islamische Staat“ verübt Terrorakte, um den Westen zu verunsichern, nicht aber, um ihn von einem weiteren militärischen Engagement abzuschrecken. Ganz im Gegenteil. Stärker noch als je bei al-Qaida sind bei den führenden IS-Ideologen radikalislamische Endzeitvorstellungen virulent. Der Westen hat es mit Fanatikern zu tun, die einen apokalyptischen Entscheidungskampf herbeisehnen. Seite 3 Bericht