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Britisches Magazin „Economist“ gibt sich Mitschuld am Brexit

Alle schimpfen auf die Brexit-Wähler. Ein britisches Magazin sucht nach den Ursachen des Votums – und findet sie auch bei sich selbst.

Die globalisierten Finanzmärkte tragen eine Mitschuld an der Verärgerung vieler Bürger, sagt das britische Magazin „The Economist“.

Die globalisierten Finanzmärkte tragen eine Mitschuld an der Verärgerung vieler Bürger, sagt das britische Magazin „The Economist“.

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Berlin.  Eine arg ramponierte Unterhose, zusammengehalten von ein paar Sicherheitsnadeln, flattert als Union Jack an einem rostigen Fahnenmast. Darüber die Zeile „Anarchy the UK“ – Anarchie im Vereinigten Königreich. So illustriert das britische Magazin „The Economist“ seine aktuelle Titelseite zum Brexit-Votum in Großbritannien. Ein trauriges Bild.

Doch die „Economist“-Journalisten klopfen sich in dem Heft an die eigene Brust, was die Misere angeht. In einem Artikel wird analysiert, woher der Ärger vieler Menschen kommt: nämlich von der Globalisierung, die zu wenig auf die Bürger geachtet habe. So heißt es in dem bemerkenswerten Artikel: „Die Befürworter der Globalisierung, dieses Magazin eingeschlossen, müssen anerkennen, dass die Technokraten Fehler begangen haben, und die einfachen Leute haben den Preis dafür bezahlt.“ Lesen Sie hier die entsprechende Passage im Zusammenhang:

„Viele Wähler fühlen sich zurückgelassen“

„Die heutige Krise des Liberalismus wurde 1989 geboren, aus der Asche der Sowjetunion. Damals verkündete der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das ,Ende der Geschichte’, den Moment, da es keine Ideologie mehr gab, die die Demokratie, die Märkte und die globale Kooperation als Möglichkeit, die Gesellschaft zu gestalten, herausfordern konnte. Es war der größte Triumph des Liberalismus, aber er erzeugte auch eine engstirnige, technokratische Politik, die von Prozessen besessen ist. In dem folgenden Vierteljahrhundert ist die Mehrheit reicher geworden, aber viele Wähler fühlen sich so, als seien sie zurückgelassen worden.

Dieser Ärger ist gerechtfertigt. Die Befürworter der Globalisierung, dieses Magazin eingeschlossen, müssen anerkennen, dass die Technokraten Fehler begangen haben, und die einfachen Leute haben den Preis dafür bezahlt. Der Schritt hin zu einer zerbrechlichen europäischen Währung, ein technokratisches Modell par excellence, führte zu Stagnation und Arbeitslosigkeit und treibt Europa auseinander. Komplexe Finanz-Instrumente verwirrten die Aufsichtsbehörden, zertrümmerten die Weltwirtschaft und führten schließlich zu von Steuerbürgern bezahlten Bankenrettungen und später zu Haushaltskürzungen.“ (W.B.)