Brexit

Innenministerin Theresa May kandidiert für Cameron-Nachfolge

Wer wird neuer britischer Premierminister? Innenministerin Theresa May hat jetzt – wie erwartet – ihre Kandidatur bekannt gegeben.

Hinter dieser Tür will sie bald regieren: Theresa May verlässt 10 Downing Street nach einer Sitzung des Kabinetts am vergangenen Montag.

Hinter dieser Tür will sie bald regieren: Theresa May verlässt 10 Downing Street nach einer Sitzung des Kabinetts am vergangenen Montag.

Foto: PETER NICHOLLS / REUTERS

London.  Die britische Innenministerin Theresa May hat erwartungsgemäß ihre Kandidatur für die Nachfolge des scheidenden Premierministers David Cameron verkündet. In einem Gastbeitrag für die Zeitung „The Times“ erklärte sie kurz vor Ablauf einer Frist am Donnerstagmittag ihre Bewerbung für den Parteivorsitz der konservativen Tories – im Erfolgsfall wäre ihr damit auch der Aufstieg zur Regierungschefin faktisch nicht zu nehmen.

In dem Artikel, der in der Nacht zum Donnerstag online veröffentlicht wurde, stichelt die 59-Jährige unterschwellig gegen ihren mutmaßlich härtesten Rivalen Boris Johnson – der seine Kandidatur noch nicht erklärt hat – und dessen privilegierten Hintergrund. So distanziert sich May von Politikern, die die Härten des Lebens nicht kennen und das Regierungsgeschäft für „ein Spiel“ halten würden.

Vor dem historischen Brexit-Referendum stand May zwar auf der Seite Camerons und seines Pro-EU-Lagers, zugleich bewahrte sie aber ihre EU-kritische Grundhaltung und hielt sich aus den Querelen innerhalb der gespaltenen Partei weitgehend heraus.

Justizminister Gove stellt sich gegen Johnson – und kandidiert

Auch Justizminister Michael Gove will Chef der Konservativen und Premierminister werden. Er kritisiert Boris Johnson, seinen mutmaßlichen Konkurrenten für die Ämter. Ursprünglich habe er den ehemaligen Londoner Bürgermeister unterstützten wollen, schreibt Gove in einer Kolumne im Internet. „Aber dann bin ich, nach einigem Zögern, zum Schluss gekommen, dass Boris nicht für die Führung sorgen oder das Team aufbauen kann, das für die bevorstehende Aufgabe nötig ist.“

Auch Energieministerin Andrea Leadsom will David Cameron als Parteichefin beerben, wie sie auf Twitter mitteilt. Leadsom hatte sich für einen Brexit ausgesprochen. Zudem haben Außenseiter Stephen Crabb und Ex-Verteidigungsminister Liam Fox ihren Hut in den Ring geworfen.

Theresa May könnte Boris Johnson gefährlich werden

Dass Theresa May es an die Spitze der britischen Konservativen und damit des ganzen Landes schaffen kann, überrascht in Großbritannien kaum jemanden. Der „Telegraph“ nannte die Innenministerin schon 2010 einen „aufgehenden Stern“, als „Eiserne Lady im Wartestand“ beschrieb der „Independent“ sie drei Jahre später.

Bald könnte es für die 59-Jährige soweit sein: Kein anderer Kandidat im Rennen um David Camerons Nachfolge dürfte Boris Johnson gefährlicher werden, sofern denn Londons Ex-Bürgermeister seinen Hut in den Ring wirft.

Mit der früheren Premierministerin Margaret Thatcher muss sich fast jede Frau, die es in Großbritannien politisch zu etwas bringt, irgendwann mal vergleichen lassen. Aber so streng und entschlossen, wie die Tochter eines anglikanischen Geistlichen unter dem kinnlangen, grauen Haar oft dreinschaut, scheint der Vergleich in diesem Fall gar nicht abwegig.

Elite-Uni und extravaganter Schuhgeschmack

Über sich selbst redet May – verheiratet, kinderlos und immer wieder wegen ihres extravaganten Schuhgeschmacks in den Schlagzeilen – nicht viel. Mitarbeiter beschreiben sie als diszipliniert und kompetent, freundlich, aber nicht unbedingt zum Smalltalk neigend. Sie studierte in Oxford (wie Thatcher und Noch-Premier Cameron), arbeitete für die englische Notenbank und stieg in die Lokalpolitik ein, noch bevor sie 30 wurde.

Als seit 2010 amtierende Innenministerin in zwei Cameron-Kabinetten verantwortet May schwierige Themen: Einwanderung, Terrorabwehr, Überwachung, Polizei, Kindesmissbrauch. Kaum jemand hielt sich bisher so lange auf diesem Posten.

Im Anlauf zum Brexit-Referendum schlug sie sich zwar auf die Seite von Camerons Pro-EU-Lager, blieb aber zugleich EU-kritisch und hielt sich aus den Querelen weitgehend raus. Das könnte ihr jetzt nützen: In der gespaltenen konservativen Partei sehnen sich viele nach Versöhnung. (dpa)