Berlin/Gütersloh

Berlin braucht 11.500 neue Erzieher

Die Personalsituation in Krippen und Kindergärten hat sich in Deutschland verbessert – ist aber noch nicht ideal

Berlin/Gütersloh.  Wenn es um die Betreuung von Kindern in Tagesstätten geht, hat Deutschland weiterhin Nachholbedarf. Zwar hat sich die Qualität der Bildung und Personalausstattung in Krippen und Kindergärten in den vergangenen drei Jahren verbessert, doch gut ist sie deshalb noch nicht. Bundesweit fehlen aktuell mehr als 100.000 Erzieher. Dies geht aus der Studie „Ländermonitor Frühkindliche Bildung“ der Bertelsmann Stiftung hervor.

Bundesweit kümmerte sich 2015 ein vollzeitbeschäftigter Erzieher rechnerisch um durchschnittlich 4,3 Krippenkinder beziehungsweise um 9,3 Kindergartenkinder. 2012 kamen auf eine Erzieherin noch 4,8 Krippenkinder oder 9,8 Kindergartenkinder. Damit haben die Fachkräfte nun etwas mehr Zeit für jedes Kind. Dennoch sind die Personalschlüssel in den meisten Bundesländern noch immer weit entfernt von einem pädagogisch sinnvollen Wert. Nach den Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung sollte sich ein Erzieher um höchstens drei unter Dreijährige – also jene Kleinen im Krippenalter – oder 7,5 Kindergartenkinder kümmern.

Großteil der Flüchtlingskinder noch nicht berücksichtigt

Auch Berlin ist von einer Idealbesetzung entfernt. So betreut eine Fachkraft in der Hauptstadt im Durchschnitt 5,8 Krippenkinder und damit mehr als im Bundesschnitt. Bei der Kindergartenbetreuung schneidet Berlin im Personalschlüssel wiederum besser ab. So kümmert sich durchschnittlich ein Betreuer um 8,8 Jungen und Mädchen im Kindergarten. In Berlin besuchen 42 Prozent der unter dreijährigen Kinder und 95 Prozent der Drei- bis unter Sechsjährigen eine Kindertageseinrichtung.

Um bundesweit das Ziel einer idealtypischen Betreuung zu erreichen, müssten zusätzlich 107.000 vollzeitbeschäftigte Fachkräfte eingestellt werden. Dieses Personal kostet nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung jährlich rund 4,8 Milliarden Euro. Verglichen mit den derzeit im Kita-Bereich anfallenden Personalkosten in Höhe von 16,6 Milliarden sei das ein Anstieg von rund einem Drittel. In Berlin beziffert die Stiftung den Mehrbedarf auf 11.500 Fachkräfte, was jährlich zusätzlich rund 508 Millionen Euro Kosten verursachen würde. Verglichen mit den in der Hauptstadt anfallenden Kita-Kosten von 857 Millionen Euro würde dies einen Anstieg von 59 Prozent bedeuten. Derzeit sind laut Studie 26.300 Mitarbeiter in Berliner Kitas tätig.

Zum Erhebungszeitraum 2015 war dabei der Großteil der Flüchtlingskinder, die im letzten Jahr nach Deutschland gekommen sind, noch gar nicht in Kitas und Schulen angekommen. Im jüngsten Bildungsbericht der Bundesregierung heißt es jedoch, dass für sie bis zu 44.000 zusätzliche Erzieher und Lehrer eingestellt werden müssen.

Der Ländermonitor zeigt zudem, wie groß noch immer die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind: Im Kindergartenbereich war der Personalschlüssel zuletzt am besten in Baden-Württemberg (1 zu 7,3), in Mecklenburg-Vorpommern dagegen wurden fast doppelt so viele Kindergartenkinder pro Erzieher betreut (1 zu 14,1). Zwischen 2012 und 2015 haben insbesondere Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hamburg und Nordrhein-Westfalen Qualitätsverbesserungen geschafft. Auch im Krippenbereich, bei den unter Dreijährigen, liegt Baden-Württemberg mit einem Personalschlüssel von 1 zu 3 vorne – Schlusslicht ist Sachsen mit einem Schlüssel von 1 zu 6,4.

Der Ländermonitor verzeichnet ein großes Ost-West-Gefälle: Eine ostdeutsche Fachkraft ist im Durchschnitt für 6,1 Krippenkinder zuständig, ein westdeutscher Erzieher nur für 3,6 Krippenkinder. Dabei besucht in Ostdeutschland auch ein wesentlich größerer Anteil aller Krippenkinder eine Kita: 47 Prozent der unter Dreijährigen. In den westdeutschen Bundesländern sind es trotz des Ausbaus nur 24 Prozent. Auch in den Kindergartengruppen sind in den westdeutschen Bundesländern (1 zu 8,6) die Betreuungsverhältnisse besser als in den ostdeutschen (1 zu 12,3).

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) sprach sich angesichts der Ergebnisse für einheitliche Qualitätsstandards aus. „Es ist wichtig, dass allen Kindern, unabhängig von ihrem Wohnort, eine gute Qualität in der frühkindlichen Bildung zugutekommt.“ Zugleich versprach sie, die Mittel für Sprachkitas zu verdoppeln, sodass etwa bis zu 10.000 Fachkräfte insgesamt in 2017 beschäftigt werden können. Damit sollen die Personalsituation und die sprachliche Bildung vor Ort verbessert werden. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert, qualitative Mindeststandards im Kinder- und Jugendhilfegesetz festzuschreiben. Neben dem Personalschlüssel müsse auch die Mitbestimmung von Kindern im Fokus stehen. Um die Qualität in Kitas zu steigern, sei ein Investitionsprogramm in Höhe von fünf Milliarden Euro für die nächsten Jahre notwendig, sagte der Geschäftsführer des Kinderhilfswerks, Holger Hofmann: „Sonst werden wir in unseren Kindertageseinrichtungen den Kindern nicht ausreichend gerecht.“