Fremdenfeindlichkeit

Nach Brexit mehr rassistische Übergriffe in Großbritannien

Seit dem Brexit kommt es vermehrt zu fremdenfeindlichen Übergriffen in Großbritannien. Viele Briten wollen angewidert auswandern.

Ein Schild von Brexit-Gegnern in London. Während sie den Stopp des EU-Austritts fordern, wagen sich immer mehr fremdenfeindliche Briten aus der Deckung.

Ein Schild von Brexit-Gegnern in London. Während sie den Stopp des EU-Austritts fordern, wagen sich immer mehr fremdenfeindliche Briten aus der Deckung.

Foto: Christopher Furlong / Getty Images

London.  Die Welle des englischen Nationalismus offenbart jetzt eine hässliche Seite: Die Zahl von rassistischen Übergriffen und fremdenfeindlichen Zwischenfällen in Großbritannien schnellte in den vergangenen Tagen nach oben. Befeuert vom Brexit wagen sich jene Menschen aus der Deckung, die schon immer etwas gegen Ausländer hatten. Seit Donnerstag vergangener Woche, dem Tag des EU-Referendums, sind 57 Prozent mehr Zwischenfälle von Volksverhetzung gemeldet worden als in einem vergleichbaren Zeitraum vor vier Wochen, bestätigte die Polizei.

Die neue Fremdenfeindlichkeit zeigt sich in vielen Facetten. „Ja! Wir haben gewonnen“, stand auf dem T-Shirt eines Mannes in Romford, „schickt sie nach Hause.“ „Verlasst die EU, kein polnisches Ungeziefer mehr“, war in englischer wie polnischer Sprache auf Karten zu lesen, die außerhalb der Schule St. Peter’s in Cambridge gefunden wurden. Der elfjährige Matteus, der eine solche Karte auflas, hat jetzt Angst, nach Polen zurückgeschickt zu werden. „Stoppt Immigration, startet Repatriierung“ forderte ein Spruchband, das Anhänger der rechtsradikalen National Front in Newcastle entfalteten. Und einem Mann soll in einem Supermarkt in Gloucester zugerufen worden sein: „Das ist jetzt England. Ausländer haben 48 Stunden, um abzuhauen.“ Eine deutsche Frau, die seit 1973 im Land lebt, rief völlig aufgelöst bei der Londoner Radiostation LBC an und sagte, dass man ihr Hundekot an die Fensterscheiben geworfen habe. Außerdem würden ihre Nachbarn jetzt sagen, sie solle gehen.

Polen werden zur Zielscheibe

Besonders Polen, die die meisten EU-Ausländer in Großbritannien stellen, werden jetzt zur Zielscheibe. Der polnische Botschafter Witold Sobkow zeigte sich „schockiert und tief beunruhigt über die fremdenfeindlichen Schmähungen“ und appellierte im Kurznachrichtendienst Twitter: „Ich bin sicher, dass britische Politiker, unsere Freunde, sich uns anschließen und diese von Hass motivierten Akte verurteilen werden.“ Premierminister David Cameron kündigte Maßnahmen gegen rassistische Übergriffe an: „Wir werden alles tun, was wir können, um diese widerwärtigen Hassverbrechen aus unserem Land zu verbannen.“

Auch im Internet ist der Ton rauer geworden. Als der Londoner Redakteur Luke Lewis von „Buzzfeed“ in seinem offenen Facebook-Profil schrieb, er „schäme sich, Brite zu sein“, antworteten ihm rund 45.000 Nutzer mit negativen Kommentaren: „Werft Messer auf ihn!“ oder „Häng Dich doch auf!“ Lewis selbst war erstaunt über die Masse an Kommentaren, auch wenn „nur“ rund 100 wirklich zur Gewalt aufforderten. „Vor dem Brexit war die Stimmung aufgeheizt“, sagt er, „aber jetzt ist sie offen feindselig.“ Er betont jedoch, dass es ihn nur virtuell betreffe: „Ich kann sie löschen, jemand, der auf der Straße angepöbelt wird, kann das nicht.“

Viele Briten reagieren angewidert

Viele Briten sind angewidert von der Welle fremdenfeindlicher Übergriffe und protestierten auf Demonstrationen in vielen Städten – von Cardiff bis London, über Bristol, Brighton, Oxford, Cambridge, Exeter bis Leicester. Sie trugen Plakate wie „Wir lieben Europa“ und skandierten „Wir sind die Zukunft“. Manche denken darüber nach, auszuwandern.

Kanadische Behörden meldeten bereits einen Anstieg bei den Erkundigungen über Auswanderungen und Visa um mehr als das Dreifache. Auf der Webseite der Einwanderungsbehörde Neuseelands verdoppelte sich die Zahl der britischen Anfragen. Und das Konsulat der Irischen Republik war völlig überfordert, als es täglich 4000 Anträge von Briten für irische Pässe bekam.