EU-Austritt

Der Brexit reißt in Nordirland alte Gräben wieder auf

Rufe nach einer Wiedervereinigung der britischen Provinz Nordirland mit dem Süden werden laut. Bricht der alte Konflikt wieder auf?

Demonstranten in Belfast mit britischen Flaggen nach einer Entscheidung der Stadt, den Union Jack seltener zu hissen. Solche Unruhen waren seltener geworden, doch mit der Brexit-Entscheidung drohen alte Konflikte wieder aufzuflammen.

Demonstranten in Belfast mit britischen Flaggen nach einer Entscheidung der Stadt, den Union Jack seltener zu hissen. Solche Unruhen waren seltener geworden, doch mit der Brexit-Entscheidung drohen alte Konflikte wieder aufzuflammen.

Foto: Paul Faith / dpa

London/Belfast.  Neben einem möglichen Wegbrechen Schottlands droht dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit-Votum auch Nordirland verloren zu gehen. Republikanische Politiker in der Provinz rufen nach dem Referendum nach einer weiteren Volksabstimmung – dabei soll es darum gehen, ob Nordirland Großbritannien verlässt und sich der Republik im Süden anschließt.

In Nordirland war die Stimme für den EU-Verbleib nicht ganz so stark wie in Schottland, aber immerhin votierten rund 56 Prozent gegen den Brexit. Der Vizechef der Regionalregierung, Martin McGuinness, von der republikanischen Sinn-Fein-Partei, die sich für den Verbleib stark gemacht hatte, kritisierte den Ausgang: „Uns aus Europa zu zerren, ist zum Nachteil für alle unsere Bürger und wird schlecht für Handel, Investment und die weitere Gesellschaft sein.“ McGuinness forderte eine Volksabstimmung über eine Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland.

Protestanten für Austritt, Katholiken dagegen

Die Provinz im Nordosten der Insel ist zwischen einem protestantischen und pro-britischen sowie einem katholischen und pro-irischen Bevölkerungsteil gespalten. Der Friedensvertrag von 1998, das sogenannte Karfreitagsabkommen, sieht eine Regionalregierung vor, in der sich beide Bevölkerungsgruppen die Macht teilen müssen. Der Vertrag erlaubt ein Referendum über den Verbleib in Großbritannien. Allerdings wies die Ministerpräsidentin Arlene Foster von der pro-britischen „Democratic Unionist Party“ (DUP) die Forderung ihres Vize McGuinness postwendend zurück: Es gebe keine Hinweise darauf, „dass es die Unterstützung einer Mehrheit für ein solches Referendum gäbe“, sagte Foster, die am Dienstag in Belfast mit Königin Elisabeth II. zusammentraf.

Bei der Brexit-Abstimmung hatte eine klare Mehrheit der Protestanten für den Austritt und eine noch deutlichere Mehrheit der Katholiken für den Verbleib in der EU gestimmt. Damit hat sich, neben dem ewigen Streit um die nationale Identität, eine weiterer Graben im langwierigen Prozess der gesellschaftlichen Aussöhnung aufgetan. „Der Brexit“, seufzt der Publizist Fintan O’Toole, „ist das beste Geschenk für irische Nationalisten.“ Er fürchtet den Beginn „eines Auseinanderbrechens der Union und den Aufstieg eines unabhängigen Englands, für das Nordirland nichts mehr als ein entferntes Ärgernis ist.“

Die früheren Premierminister John Major und Tony Blair, beides Architekten des nordirischen Friedensprozesses, hatten im Vorfeld der Abstimmung eindringlich gewarnt, ein Brexit könne die gesellschaftliche Aussöhnung gefährden. „Alle Teile des Puzzles im Friedensprozess würden in die Luft geworfen“, mahnte Major.

Entspannung durch verschwundene Grenze

In den vergangenen Jahren hatte sich die Bevölkerung Nordirlands mit der Machtteilung arrangiert und das Thema Identität zur Seite gelegt. Erleichtert wurde dies, weil es praktisch keine Grenze mehr zwischen den beiden Teilen der Insel gab. Früher stand sie mit ihren Kontrollposten und schwer befestigten Wachtürmen als Symbol für den Bürgerkrieg.

Diesen Anblick könnte es bald wiedergeben: Nach einem Brexit wird über Hunderte Kilometer quer durch die Insel die einzige Grenze zwischen der EU und Großbritannien verlaufen. Da die Forderung nach einer Kontrolle der Einwanderung zentral für die Brexit-Abstimmung war, müsste die Grenze wieder bewacht werden. Hugh Ordre, der frühere Polizeichef von Nordirland, warnt vor einem Aufflammen des republikanischen Terrors: „Der Anblick von Grenzkontrollen spielt in die Hände jener, die noch akzeptieren müssen, dass der bewaffnete Kampf vorbei ist. Jeder Schritt zurück ist eine wirklich schlechte Idee.“