Brexit-Debatte

Farage an EU-Abgeordnete: „Sie haben nie richtig gearbeitet“

Brexit-Wortführer Nigel Farage provoziert im EU-Parlament: Er warf den Abgeordneten dort vor, sie hätten noch nie richtig gearbeitet.

Nigel Farage, Rechtspopulist und Brexit-Wortführer (Archivbild), wurde am Dienstag im Europaparlament in Brüssel ausgebuht.

Nigel Farage, Rechtspopulist und Brexit-Wortführer (Archivbild), wurde am Dienstag im Europaparlament in Brüssel ausgebuht.

Foto: ERIC VIDAL / REUTERS

Brüssel.  Brexit-Wortführer Nigel Farage hat im Europäischen Parlament am Dienstag hitzige Reaktionen ausgelöst. Besonders hoch schlugen die Emotionen, als der Ukip-Chef den EU-Abgeordneten vorwarf, dass die Mehrheit von ihnen noch nie einer regulären Arbeit nachgegangen sei. „Praktisch keiner von Ihnen ist je in seinem Leben einer richtiger Arbeit nachgegangen oder hat in der Wirtschaft gearbeitet oder jemals Jobs geschaffen.“

Parlamentspräsident Martin Schulz musste daraufhin die Abgeordneten zur Ruhe rufen: „Sie benehmen sich gerade so, wie sich normalerweise die Ukip benimmt.“

Laute Pfiffe und Buh-Rufe hatte die Rede des Rechtspopulisten begleitet, seit er sie direkt mit einer Provokation eröffnet hatte: „Ist es nicht lustig, dass Sie mich ausgelacht haben, als ich meine Kampagne für einen EU-Austritt meines Landes gestartet habe? Nun, jetzt lachen Sie nicht mehr.“ Schulz sprang dem Briten bereits früh bei und mahnte die Parlamentarier: Es sei eine der großen Qualität der Demokratie, zuzuhören, auch wenn man nicht der Meinung sei. Kurz vor dem Start des EU-Gipfels sprach sich Schulz auch dafür aus, den Briten im Zweifelsfall einen Rückzieher von ihrer Brexit-Entscheidung zu ermöglichen. Wenn das Vereinigte Königreich zu anderen Erkenntnissen komme oder die Menschen noch einmal nachdenken wollten, sollte „das ganz sicher unterstützt werden“, sagte der SPD-Politiker.

Auch Jean-Claude Juncker angriffslustig

Angriffslustig gegenüber dem Brexit-Befürworter zeigte sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der Farage der Lüge bezichtigte: Der Ukip-Chef habe die Unwahrheit über die finanziellen Vorzüge eines britischen EU-Austritts gesagt. Ironisch fragte Juncker zudem die Ukip-Abgeordneten, warum sie überhaupt noch anwesend seien. „Das ist das letzte Mal, dass Sie mir applaudiert haben“, sagte der Luxemburger an die Brexit-Befürworter. Juncker sagte, er werde bis zum letzten Atemzug für das europäische Projekt kämpfen. Vorverhandlungen mit der britischen Regierung über das weitere Verhältnis zwischen dem Königreich und der EU werde es nicht geben.

Auch EVP-Fraktionschef Manfred Weber, sonst eher ein Politiker der gemäßigten Töne, zeigte sich hart gegenüber den Brexit-Lager: „Die Zeit des Appeasement ist vorbei. Wir müssen für unsere europäische Zukunft kämpfen.“

Farage will auch nach einem EU-Austritt Großbritanniens auf Handelsbeziehungen mit der Europäischen Union nicht verzichten und warb für ein Freihandelsabkommen. „Wir werden mit Euch Handel treiben, wir werden mit Euch kooperieren“, sagte der EU-Abgeordnete. „Wir werden Euer bester Freund auf der Welt sein.“ Farage schickte aber eine Warnung hinterher: Sollte es eine solche Vereinbarung nicht geben, wären die Konsequenzen für die EU viel schlimmer als für sein Land.

Der Ukip-Chef, der im Brexit-Wahlkampf mit Parolen gegen Flüchtlinge und EU-Migranten für einen EU-Austritt geworben hatte, gab sich sonst als Anwalt der kleinen Leute. Der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt, konterte seine Aussagen mit dem Hinweis, dass anders als der Ukip-Chef vermutlich nicht viele seiner Wähler über Fonds in Steuerparadiesen verfügt hätten.

Applaus für Schottland und britischen EU-Kommissar

Bei all der Bitterkeit, die in Brüssel in der Debatte nach dem Brexit-Votum zu spüren war, gab es zwei emotionale Höhepunkte. Zum einen, als Parlamentspräsident Martin Schulz dem scheidenden Finanzmarktkommissar Jonathan Hill aus Großbritannien für seine Arbeit dankte und dieser davon sichtlich bewegt war. Zum zweiten, als der schottische Grünen-Abgeordnete Alyn Smith den anderen Parlamentariern zurief: „Schottland hat Sie nicht hängengelassen, deshalb bitte ich Sie: lassen Sie Schottland jetzt nicht hängen.“ In beiden Fällen gab es stehende Ovationen von zahlreichen Abgeordneten. (schrö/rtr/dpa)