Berlin - London

„So viele EU-Pässe wie möglich“

Welche verzweifelten wie teils auch absurden Auswege die Briten jetzt aus dem Brexit-Dilemma suchen.

„Also, wer hat jetzt das Sagen?“, fragte Andrew Marr, der renommierte BBC- Moderator bei seiner sonntäglichen Talkshow. Es war kein Witz, sondern ernst gemeint, weil das überwiegende Gefühl in Großbritannien gerade nicht nur ist, dass niemand die Verantwortung hat, sondern dass sich niemand traut, die Verantwortung zu übernehmen – und das in einer Zeit, in der sich das Land in einem Riesen-Chaos befindet. Tief gespalten sind wir noch dazu. Die 48 Prozent, die gegen den Brexit gestimmt haben, gegen die knapp 52 Prozent, die dafür gestimmt haben – am stärksten ist das zu spüren zwischen Jung und Alt. So gespalten war das Land seit dem Bürgerkrieg (1642–1651) nicht mehr, da stimmen sämtliche Historiker überein.

Über Facebook suchen jetzt die, die für den Verbleib gestimmt haben, nach den wildesten Alternativen, die sie eventuell haben – von Auswandern bis zu anderen Staatsangehörigkeiten. Ich bin meinen irischen Großvätern dankbar. Durch die durfte ich schon vor Jahren meine irische Staatsbürgerschaft bekommen, und weit mehr als ‚nur‘ eine romantische Verbindung zu meinen Wurzeln ist jetzt zu meinem „EU- Pass“ geworden, jetzt, wo mein eigenes Land mich im Stich gelassen hat. Andere Freunde überlegen sich, irgendwelche ungarischen Vorfahren zu finden. Angeblich wird man als Ungar schnell anerkannt, egal, wie weit man in der Familiengeschichte zurückgehen muss, um etwas Ungarisches zu finden. Ein Bekannter überlegt sich, auf die schottische Unabhängigkeit zu warten (was sicherlich bald kommen wird, nachdem die Mehrheit der Schotten für ein Verbleib gestimmt hat), dann würde er die schottische Staatsbürgerschaft beantragen. „Ich weiß, das klingt verrückt,“ schrieb er heute morgen auf Facebook, „aber im Moment sieht es aus wie die beste Option, die ich habe, wenn ich ein Bürger der EU bleiben möchte, und gleichzeitig immer noch eine Verbindung haben möchte zu der Welt, in der ich groß geworden bin“.

Mmmhh, wäre auch eine Option für mich – ich hatte einen schottischen Urgroßvater, der laut der Familienlegende ein ziemlicher Tyrann war, aber vielleicht könnte ich durch ihn auch meine schottische Wurzeln entdecken. Und noch dazu die deutsche Staatsbürgerschaft? Ich fühle mich diesem Land immer näher, das weit mehr die Werte von Solidarität, Weltoffenheit und Freundlichkeit repräsentiert als das Land meiner Geburt. Ich würde gern jetzt so viele EU-Pässe wie möglich sammeln.

In diesen Tagen wird eifrig analysiert, wer wie abgestimmt hat, und weshalb. Was dabei hervorsticht: dass viele Leute ihr Votum als eine reine Proteststimme gesehen haben. Viele, die für den Brexit gestimmt haben, sagen jetzt: „So hätte ich nicht gestimmt, wenn ich gedacht hätte, es würde tatsächlich zu einem Brexit kommen.“ Wie ein „Like“ bei Facebook, worauf man schnell auf „Unlike“ klicken kann, ist aber eine Wahlstimme nicht. Es gibt auch eine tiefe Kluft zwischen ärmeren und reicheren Leuten. Die mit unsicheren Lebensverhältnissen, die sich eher gegen die EU entschieden haben, sind fest davon überzeugt, dass es ihnen jetzt wieder besser gehen wird, wo wir jetzt „befreit“ sind von der „Elite“. Aber sie sind zum größten Teil gerade von Leuten manipuliert worden, die genau dieser Elite angehören – nämlich Boris Johnson und Michael Gove – und die kurz davor sind, die Regierung zu übernehmen.

Gerade Boris Johnson – der zunehmend mehr Ähnlichkeit mit Donald Trump beweist, noch zusätzlich zu seiner verwahrlosten blonden Frisur – hat momentan die beste Chancen, unser neuer Premierminister zu sein. Nachdem David Cameron meinte, er habe „keinen Bock“, die ganzen dreckigen Austrittsbedingungen zu verhandeln, um die sauberen Teller dann an Johnson zu überreichen – und deswegen zurücktreten wird.

Aber letztendlich wendet er sich damit bequemerweise ab von dem Unfug, den er verursacht hat, von der Büchse der Pandora, die er geöffnet hat.