EU-Referendum

Barley zum Brexit: „Jetzt ist nichts mehr wie vorher“

SPD-Generalsekretärin Barley ist Britin. Sie fürchtet durch den Brexit einen Dominoeffekt und fordert tiefgreifende Reformen der EU.

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley hat britische Wurzeln.

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley hat britische Wurzeln.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Sie ist die Tochter eines englischen Journalisten und einer deutschen Ärztin, hat neben der deutschen noch die britische Staatsbürgerschaft: SPD-Generalsekretärin Katarina Barley erklärt, wie es zum Brexit kommen konnte – und was daraus folgt.

Frau Barley, was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Brexit erfuhren?

Katarina Barley: Mein erster Gedanke war: Jetzt ist nichts mehr wie vorher. Ich bin überrascht und sehr unglücklich. Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass es anders ausgehen würde. Wir können noch gar nicht abschätzen, was das wirklich bedeutet. Das Referendum verändert Europa. Mit dieser Entscheidung schwächen wir uns gegenseitig. Aber wir sollten jetzt auch nicht in eine Hysterie verfallen: Die Welt geht nicht unter nach dem Brexit.

Was wird aus Großbritannien?

Barley: Ich fürchte, dass Großbritannien auseinanderbricht. Schottland und Nordirland haben deutlich für den Verbleib in der EU gestimmt, als erste gehen voraussichtlich die Schotten. Auch die britische Gesellschaft ist gespalten. Die Jungen haben mit großer Mehrheit für die EU gestimmt, die über 50-Jährigen dagegen.

Können Sie uns einen Einblick in die Seelenlage der Briten geben – was geht bei denen eigentlich vor?

Barley: Die Briten sind natürlich ein bisschen anders. Für uns Kontinentaleuropäer ist ein Grenzübertritt normaler Alltag, für die Briten absolut nicht: Der Kontinent ist für sie weit weg. Hinzu kommt die Sehnsucht nach der kolonialen Vergangenheit, nach dem selbstbewussten, mächtigen Empire: Diese Nostalgie ist ein wichtiger Grund für den Brexit, deshalb haben ja vor allem die Älteren so abgestimmt – auch wenn sie am Ende einer Illusion nachhängen. Und schließlich spielte die Migrationsdebatte eine Rolle.

Was hat Premier Cameron falsch gemacht?

Barley: Er hat das gemacht, was viele Politiker in ihren Nationen tun: Er hat versucht, innenpolitische Ziele zu erreichen, indem er ein außenpolitisches Thema instrumentalisierte. Vermutlich hat er unterschätzt, wie stark diese Debatte die Nation spaltet.

Wie wird der Brexit die EU verändern?

Barley: Europa kann und wird nicht so bleiben wie es ist. Die EU wird es weiter geben, aber sie hat großen Reformbedarf. Die Diskussion darüber wird jetzt hoffentlich offener geführt. Die EU macht es sich ja selber schwer, indem sie in jedes Detail des Lebens hineinregieren will. Das brauchen wir nicht. Wir müssen Fehlentwicklungen korrigieren, die Prioritäten anders setzen und uns auf das Wichtige konzentrieren: auf die Grundidee der Union, die wirtschaftliche Stärkung aller EU-Staaten. Und auf mehr soziale Sicherheit. Wir dürfen den Europa-Skeptikern nicht hinterherlaufen, sondern müssen dafür sorgen, dass es den Menschen durch Europa besser geht.

Was entgegnen Sie jenen, die eine Vertiefung der Gemeinschaft für das Gebot der Stunde halten?

Barley: Wir brauchen erst mal etwas Zeit, um das Ganze zu analysieren. Klar ist: Wir brauchen ein besseres Europa mit dem sich mehr Menschen gerne identifizieren.

Wie groß ist die Gefahr, dass es zu einer Kettenreaktion kommt und weitere Staaten die EU verlassen?

Barley: Die Gefahr eines Dominoeffekts ist real. Geert Wilders hat ja schon angekündigt, die Niederlande aus der EU führen zu wollen. Gerade deshalb müssen wir endlich vermitteln, was Europa den Menschen wirklich bringt. Es ist ja kein Zufall, dass in Großbritannien gerade die Jungen für einen Verbleib gestimmt haben. Sie erleben die Vorzüge, die ihnen Europa bringt viel deutlicher – sei es bei der Freiheit, den Arbeitsort selbst zu wählen oder Austauschprogrammen wie Erasmus. In einigen EU-Staaten ist die Missachtung für Europa aber inzwischen dramatisch. Wir müssen jetzt leider darauf drängen, dass die Briten konsequent sind. Wer raus geht, ist raus, da müssen wir auch hart sein: Eine ewige Hängepartie können wir uns nicht leisten – und einen neuen Briten-Rabatt kann es auch nicht geben. Dann würden wir uns von Europa verabschieden. Denn es würde niemand verstehen, warum wir all die schwierigen Abstimmungen in der EU brauchen, wenn man es auch ganz einfach haben kann.

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