Verfassungsschutz

Wie der geheimnisvolle V-Mann „Corelli“ zur Affäre wurde

Bei der Aufarbeitung der NSU-Morde lief vieles schief. Der Fall „Corelli“ setzt den Geheimdienst und dessen Chef besonders unter Druck.

In Erklärungsnot: der aktuelle BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen (r.) und sein Vorgänger Heinz Fromm.

In Erklärungsnot: der aktuelle BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen (r.) und sein Vorgänger Heinz Fromm.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Berlin.  Der Verfassungsschutz nutzt für seine geheimen Informanten Decknamen: „Otto“ zum Beispiel oder „Piatto“. Für den Geheimdienst sind V-Leute wichtige Quellen, vielleicht die wichtigsten. Sie liefern den Behörden Nachrichten direkt aus der Szene, aus Hinterzimmergesprächen oder Kameradschaftstreffen. Orte, die der Verfassungsschutz nur schwer selbst abhören könnte. Und Szenen, zu denen eigene Ermittler nur schwer Zugang finden. V-Leute nutzen dem Dienst. Wenn es gut läuft.

Wenn es schlecht läuft, werden V-Leute zur Staatsaffäre. Weil sie selbst Neonazis sind und schwer berechenbar. Weil ihre Führung durch Beamte riskant ist, da die Verfassungsschützer einerseits ein enges Verhältnis und Vertrauen aufbauen müssen – und andererseits professionelle Distanz wahren müssen. Weil V-Leute Geld vom Staat für ihre Arbeit bekommen, und nicht immer klar ist, wohin dieses Geld fließt. Thomas Richter galt dem Dienst als „Topquelle“. Doch nach und nach werden Details bekannt, die klarmachen: Bei Richter lief vieles schief – vor allem dann, als er längst keine „Quelle“ mehr für den Verfassungsschutz war.

Sieben Handys lagern im Panzerschrank

Sein Deckname „Corelli“ steht nun auch für die Versäumnisse des Verfassungsschutzes bei der Aufarbeitung der NSU-Mordserie. Nach Informationen des RBB haben die Sicherheitsbehörden mehrere Handys bisher nicht oder nicht gründlich genug ausgewertet. Handys, die nun dem V-Mann zugeordnet werden. Bisher war nur von einem Handy die Rede sowie mehreren SIM-Karten. Nach Informationen dieser Redaktion sind es nun sieben „Corelli“-Handys, die im Panzerschrank des V-Mann-Führers gelagert waren.

Laut RBB hat „Corelli“ die nun analysierten Handys zwischen 2007 und 2011 benutzt. Auch der Zeitraum ist brisant: 2007 soll der rechtsterroristische „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die Polizistin Michele Kiesewetter ermordet haben – der letzte von zehn Morden. 2011 flog die Gruppe auf. Mundlos und Böhnhardt töteten sich, Zschäpe stellte sich. Der Prozess gegen sie läuft noch.

Wie eng war „Corelli“ an dem NSU-Trio dran?

2012 wurde „Corelli“ enttarnt. Da hatte er fast 20 Jahre für den Verfassungsschutz gearbeitet. Die neu ausgewerteten Handys werfen erneut die Frage auf, was er über das Trio gewusst haben könnte. Die Daten könnten Aufschluss geben, ob weitere Neonazis zum engen Kreis der Unterstützer der Zelle gehörten – oder gar bei den Morden halfen. Bisher gibt es keine Belege.

1995 traf Richter während des Wehrdienstes auf Mundlos. 1998 stießen Ermittler in der Garage des Trios auf eine Telefonliste, auf der auch Richter eingetragen war. Und 2005 übergab er dem Amt eine Daten-CD, mit mehr als 15.000 Propagandabildern, und mit zwei Dateien mit der Aufschrift „NSU/NSDAP“.

Und der Handy-Fund wirft Fragen auf: Was ist noch unentdeckt gelagert in den Panzerschränken des Verfassungsschutzes? Halten einzelne Mitarbeiter Informationen über ihre V-Leute zurück? Bereits vor Wochen wurde bekannt, dass im vergangenen Jahr im Schrank des V-Mann-Führers von Richter ein Handy aufgetaucht war. Es konnte im April 2016 der Quelle „Corelli“ zugeordnet werden. Aufgefallen war das Telefon erst bei der fünften Durchsuchung des Büros – das Handy war offenbar nur mit „Privat“ beschriftet. Und das, obwohl per hausinterner Anweisung alle Dateien oder Asservate zum Fall „Corelli“ längst für den Sonderermittler des Bundestags gesammelt werden sollten.

War der V-Mann-Führer zu nah an seiner Quelle?

Kurz nach dem Handyfund entdecken Geheimdienst-Mitarbeiter noch mehrere SIM-Karten. Auch sie sollen zu „Corelli“ gehören. Bisher hieß es immer: Richter hatte die Handys erst 2012 in Gebrauch, und auch nur für vier Monate. Das scheint nun hinfällig. Im Amt heißt es nun, man wolle schnellstmöglich aufklären. Doch technisch sei das nicht einfach, denn häufig fehlen zu den Handys SIM-Karten oder Zugangscodes. Das Bundeskriminalamt hilft jetzt bei der Auswertung der Daten. Auch das könnte erklären, warum nach und nach weitere Bezüge zu „Corelli“ auftauchen. Dessen V-Mann-Führer, der oft krank war, konnte offenbar nicht helfen. Er wurde 2015 versetzt. Interne Prüfer hatten schon damals dessen Nähe zur Quelle bemängelt.

Auf die Amtsführung von BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen steigt der Druck – auch ohne genaues Wissen, was auf den Handys gespeichert ist. Denn bei Politikern der Koalition, aber auch bei Mitgliedern der Untersuchungsausschüsse wachsen Unzufriedenheit und Skepsis darüber, wie ernsthaft die Aufklärung der Fehler und Versäumnisse bei den Ermittlungen zum NSU durch eigene Mitarbeiter des Verfassungsschutzes betrieben werden. Zugespitzt: Ob die Amtsleitung Herr ist im eigenen Laden?

Der V-Mann starb 2014 in seiner Wohnung

Thomas Richter alias „Corelli“ selbst kann niemand mehr fragen. Er starb im 2014 in seiner Wohnung in Paderborn, die er nach seiner Enttarnung vom Verfassungsschutz bekommen hatte. Bisher belegen medizinische Gutachten, dass Richter an einem diabetischen Zuckerschock gestorben war. Kürzlich hatte einer der Gutachter jedoch ausgesagt, die festgestellten Symptome könnten auch durch Wirkstoffe hervorgerufen werden, die im Rattengift Vacor zu finden sind. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wieder. Bisher bleiben alle Gutachter dabei: Es war kein Mord. Was bleibt, sind die Spekulationen. Wie so oft im Fall „Corelli“.