Politik

Nein, ich will mein Auto nicht verkaufen

| Lesedauer: 4 Minuten
Nina Paulsen

Immer wieder kleben Werbekarten an der Tür. Ruft da eigentlich jemals jemand an? Und wer denkt an die Igel?

Das Schöne an Berlin ist ja, dass die Menschen hier nicht so kleinlich sind. Hier wird der Rasen nicht mit Lineal und Nagelschere geschnitten, man drückt ein Auge zu, wenn der Bus zwei Minuten zu spät kommt und kann irgendwann auch großmütig darüber hinwegsehen, wenn ein Flughafen mal nicht pünktlich ... Na ja, Sie wissen schon.

Vor diesem Hintergrund ist es dann eigentlich ziemlich kleinlich, sich über Zettel aufzuregen, die fremde Menschen an fremde Autos heften – und das meine ich durchaus selbstkritisch. Es geht um diese marktschreierischen Visitenkärtchen der Export-Gebrauchtwagenhändler, die ständig und zuhauf unter Scheibenwischern oder im Fensterrahmen von allen nicht mehr ganz so neuen Berliner Autos klemmen. In knalligem Rot und mit vielen Ausrufezeichen stehen dort Dinge wie: „sofort Bargeld!!“, „zahle mehr als Restwert!!“ oder „auch ohne Tüv und Kat!!“

Ständig stecken diese Kärtchen auch an meinem kleinen Wagen. Am besten wäre ja, sie einfach zu ignorieren – geht aber irgendwie nicht. Sorry, liebe Kfz-Händler. Aber auch bei allem Großmut muss ich sagen: Es nervt!!! Mindestens mit drei Ausrufezeichen.

Vor allem, weil die Zettelchen einen ja in ein tiefes moralisches Dilemma stürzen – und für ein richtig schlechtes Gewissen sorgen, wenn man sie im ärgerlichen Affekt einfach direkt an Ort und Stelle entsorgt. Viele Menschen machen das, die Kärtchen liegen wie Konfetti mit Ausrufezeichen auf dem Kopfsteinpflaster in unserem Kiez. Was im Grunde eine blöde Sache ist, weil man durch das Vermüllen der Straße womöglich eine Strafe riskiert. Und weil es sich einfach nicht gehört, seinen Unrat wild zu entsorgen. Und dann die arme Umwelt. Manchmal sind die Karten ja eingeschweißt oder aus Plastik – und liegen für immer und ewig im Gebüsch oder am Straßenrand. So lange, bis ein kleiner, stupsnasiger Berliner Igel daran knabbert und im schlimmsten Fall an den Schnipseln erstickt. Um Gottes Willen. Furchtbarer geht es kaum.

Die Alternative ist also, die Kärtchen mitzunehmen und erstmal im Wagen zu deponieren. Was auch blöd ist, denn immerhin wird einem dieser Müll ja ungefragt aufgezwungen. Da hilft es auch nicht viel, dass die Ansprache auf den Zettelchen erst einmal ziemlich devot daherkommt: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich ohne Ihre Erlaubnis mein Angebot an Ihr Fahrzeug angebracht habe“, heißt es da zum Beispiel – was für eine Masche! Ob es den BVG-Kontrolleur wohl beeindruckt, wenn ich ohne Fahrkarte U-Bahn fahre, dafür aber wortreich um Verzeihung bitte?

Denkwürdig ist bei den Kärtchen, die die Gebrauchtwagenhändler offenbar zu Abermillionen in der Stadt verteilen lassen, aber noch ein weiterer Satz: „Falls Sie Ihr Auto in diesem Zustand jetzt oder später verkaufen möchten, rufen Sie mich an.“ Moment mal. In diesem Zustand? Was ist gemeint mit „dieser Zustand“? Okay, mein Wägelchen ist zehn Jahre alt und hat schon länger nicht mehr eine Waschanlage von innen gesehen – aber sonst? Ist es aus Sicht der Händler offenbar reif zum Abwracken. Nur noch tauglich für die Wüste. Viel zu ranzig für Berlin und Prenzlauer Berg und besser aufgehoben in einer weniger gentrifizierten Gegend der Welt.

Lustig wäre ja, die Methode der Auto-Export-Händler auf weitere Lebensbereiche auszuweiten: Der Frau im schicken Trenchcoat vor mir auf der Rolltreppe könnte ich einen Zettel an den Rücken heften: „Hallo, ich möchte gern Ihren Mantel kaufen. Sofort Bargeld. Alter egal!“ Oder meinem Sitznachbarn in der S-Bahn zuraunen: „Super Handy haben Sie – will ich haben. Zahle mehr als den Restwert!!“

Ich frage mich ja sowieso, ob jemals jemand bei einem dieser Händler anruft. Theoretisch könnte ich das einfach mal tun und mich beschweren, aber ich will ja nicht kleinlich sein. Also pflücke ich die Werbekärtchen von der Scheibe und fahre sie mit mir herum. Zumindest die Berliner Igel werden es mir danken.

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