Politik

Das Angst-Votum

Der Mord an Jo Cox hat die Briten schockiert. Ob er etwas ändert, ist ungewiss

Es ist die Woche der Entscheidung. Die Briten stimmen ab, ob sie ein Teil der europäischen Familie bleiben wollen. Oder ob sie ausziehen aus dem europäischen Haus. Sie stimmen ab nach einem völlig überhitzen, überzogenen Wahlkampf – und genau eine Woche nach dem grausamen Mord an Helen Joanne Cox, die alle nur „Jo“ nannten. Der Tod der jungen Mutter und engagierten Kämpferin für den Verbleib der Briten in der Europäischen Union war ein Schock. Das Land hielt inne. Doch ob es auch zur Besinnung kommt, das ist keinesfalls sicher.

Nicht nur die Familie von Jo Cox hofft es inständig. So würde ihr Tod nicht so sinnlos erscheinen. „Jo glaubte an eine bessere Welt, und sie kämpfte dafür jeden Tag ihres Lebens“, twitterte ihr Ehemann Brendan. Jetzt, nach ihrem Tod, würden Freunde und Familie gegen „den Hass kämpfen“, der sie getötet hat.

Das ist eine gewaltige Aufgabe, denn er hat sich längst hineingefressen in die britische Seele und spaltet das Land. Und dabei spielt es schon keine Rolle mehr, wie dieses Referendum ausgeht. Wenn die Briten sich am Freitag ihren Morning-Tea einschenken, ist ihr Land ein anderes. Ein tiefer Graben wird sich durch das Königreich ziehen – und das Land nicht nur in Gewinner und Verlierer teilen, damit könnten die Briten gelassen und sportlich umgehen. Doch es gibt keine Revanche. Kein Rückspiel, das Votum ist endgültig.

Der Graben könnte Großbritannien in Stücke reißen. Es ist unwahrscheinlich, dass die europatreuen Schotten einen Brexit akzeptieren würden. Was bleibt dann übrig vom einst so stolzen Königreich, wenn die Zacken aus der Krone brechen, die mit einem Austritt aus der Europäischen Union wieder im alten Glanz erstrahlen sollte?

Knapp drei Tage haben die Briten in ihrem Wahlkampf innegehalten, haben Jo Cox Respekt gezollt. Sie haben vielleicht auch nachgedacht, wie es dazu kommen konnte, dass die EU-Debatte, die fast technokratisch begann und sich um Demokratiedefizite und um nationale Souveränitätsrechte drehte, zu einer Hass- und Furchtkampagne werden konnte.

Die Protagonisten lassen sich in zwei Angstlager teilen. Die, die bleiben wollen, spielen mit der Angst um Wohlstand und Wirtschaft: Nach einem Brexit wird es uns Briten deutlich schlechter gehen, heißt ihre Botschaft. Die, die gehen wollen, nutzen die Angst vor Masseneinwanderung nach Großbritannien – aus der EU selbst, aus der Türkei und aus den Flüchtlingslagern innerhalb und außerhalb Europas. Großbritannien müsse sich von der EU befreien, um wieder groß und stark zu werden und die eigene Grenze wieder selbst kontrollieren zu können. Die Menschen fühlen sich bedroht – so oder so. Und Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber.

Jedes Maß, jede Sachlichkeit ging verloren. Es sind Dämme gebrochen, nicht nur verbal und virtuell im Internet. Es gab wüste Drohungen von allen Seiten und in alle Richtungen. Auch Jo Cox hatte vor ihrem Tod bittere und böse Mails erhalten. Sie hatte sie der Polizei gemeldet. Ist es vermessen zu hoffen, ihr Tod möge ein Wendepunkt sein?

Es ist vor allem viel zu früh. Auch wenn sich die Briten am kommenden Donnerstag für Europa entscheiden, sind die Probleme nicht gelöst. Es wäre nur ein Zeitgewinn. Nicht nur die Briten, ganz Europa steht vor der Frage, wie und vor allem in welche Richtung es weitergeht. Die Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage spaltet nicht nur die Briten, sie untergräbt das ganze europäische Haus. Seite 3 Bericht