Politik

Das Verblassen uralter Klischees

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Bei Aufeinandertreffen deutscher und französischer Fußball-Mannschaften herrscht heute eine gewisse Gelassenheit

Krake hin oder her. Keiner weiß, wie das Finalspiel des Euro 2016 aussehen wird. Eine Begegnung zwischen Deutschland und Frankreich hätte sicher einen hohen symbolischen Wert. Aber nicht nur aus sportlichen Gründen. Acht Monate nach den Attentaten von Paris, die sich auch vor dem Stade de France ereigneten, würden sich die beiden Mannschaften wiedertreffen. Und überhaupt ist die Sportart Nummer eins stets ein Seismograf der gegenseitigen Wahrnehmung und des Verhältnisses zwischen zwei Nationen.

In den spannungsreichen deutsch-französischen Beziehungen während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts trifft dies besonders zu. 1931 gibt es ein erstes Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Ruhrbesatzung hatte sich eine gewisse Entspannung bemerkbar gemacht, aber die Begegnung wird doch zum Politikum. Zuerst weigert sich der Pariser Polizeipräsident, die deutsche Hymne spielen zu lassen. Als die deutsche Mannschaft fünf Jahre später nach Paris kommt, zeigen die Spieler den Hitlergruß. Hakenkreuzfahnen sind nicht zu übersehen. Erst 1952 trifft man sich wieder. Die deutsch-französische Versöhnung steckt noch in den Kinderschuhen. Zum ersten Mal in der Geschichte werden bei einem Länderspiel keine Hymnen gespielt. Lieber verzichten die Franzosen auf die Marseillaise, um das Deutschlandlied nicht „ertragen“ zu müssen.

Wegen der schwierigen Vergangenheit bleiben Spiele zwischen beiden Ländern lange etwas Besonderes. Die gegenseitige Wahrnehmung im Fußball basiert nicht nur auf rein sportlichen Kriterien. Bereits in den 20er-Jahren charakterisiert ein deutscher Kolumnist den französischen Fußball als „poetisch“. Ein anderer vergleicht die deutsche Spielart mit einem „Industriebau aus Stahl und Glas“. „Von Kampfmaschinen und Ballkünstlern“ heißt ein Standardwerk von Jochen Müller über die Sportberichterstattung im deutsch-französischen Kontext. Leichtigkeit des Seins und Savoir vivre gegen deutsche Wertarbeit und Disziplin: Der Vergleich lässt sich leicht auf andere Themen übertragen.

Der Fußball ist aber auch ein wunderbarer Bestandteil der deutsch-französischen Versöhnung. Möglicherweise wäre ich heute nicht Deutschland-Korrespondent, wenn mein ältester Bruder nicht gegen die Mannschaft unserer deutschen Partnerstadt gespielt hätte. Dadurch kam ich als Kind mit diesem fremden Akzent zu Hause in Berührung. Junge Burschen, deren Lebensraum sich auf das nächste Departement begrenzte, fuhren ins entfernte Nachbarland. Die dritte Halbzeit brachte sie auch ihren weiblichen Fans näher.

Aber unter der Oberfläche liegen alte Ressentiments nicht tief. Das beste Beispiel dafür bleibt das Drama von Sevilla bei der WM 1982 mit dem Angriff von Toni Schumacher gegen Battiston. Im französischen Kollektivbewusstsein rangiert dieses Ereignis dicht hinter der Invasion 1940. „Teutonische Brutalität“, „Unmensch“, „Immer noch die Gleichen, sie haben sich nicht geändert“ las man danach in Frankreich.

Als 16 Jahre später, während der WM 1998, der Gendarm Daniel Nivel brutal von deutschen Hooligans verletzt wird, ist die Identifikation zwischen den Angreifern und dem deutschen Volk dieses Mal nicht wahrzunehmen. Beide Seiten sind über den Vorfall sehr erschrocken, das Bild des Erzfeindes wird nicht mehr aus der Mottenkiste geholt.

Bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich kommt es zu keiner deutsch-französischen Begegnung. Dieses Sommermärchen à la française markiert auch eine Glanzzeit des französischen Fußballs. Die Mannschaft scheitert bereits im Viertelfinale.

2006 staunen umgekehrt die Franzosen über das gelassene „normale“ Deutschland. Die Franzosen spielen wie die Deutschen, die Deutschen feiern wie die Franzosen. Sind die uralten Klischees endlich Vergangenheit?

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