Familie während der EM

Was Helikoptereltern sonst verabscheuen, ist plötzlich okay

Das Familienleben ist während der EM nicht dasselbe. Was sich verändert, wenn Vater, Mutter und Kinder dem sozialen Druck erliegen.

Eine  Dreijährige auf der Berliner Fanmeile

Eine Dreijährige auf der Berliner Fanmeile

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Wir sind eine ausgeschlafene Familie. Nur jetzt gerade nicht. Wir sehen aus wie Pandas, die sich mit Panzerknackern gepaart haben. „Tortellini-Augen“, wie Karl, der Große, prustend feststellt. Gibt es schwarz-rot-goldene Abdeckstifte? Wer hat eigentlich entschieden, dass die Spätspiele um 21 Uhr angepfiffen werden? Kann niemand mit Kindern gewesen sein.

Eigentlich interessieren wir uns gar nicht für Fußball, oder erst ab Halbfinale. Aber der gesellschaftliche Druck ist zu stark. Wer nicht ausdauernd über Kroosens Passquote, Höwedes’ Übersichtslücken und Boateng an sich referieren kann, ist sehr einsam in diesen Tagen. Soviel Engagement, Begeisterung, Interesse wünscht sich die Politik.

Nationalhasenohren setzt sie nicht auf

Für die Chefin ist Fußball eine optische Angelegenheit, auch wenn sie die von mir geschenkten Nationalhasenohren nicht aufsetzt. „Der ist aber süß“, sagt sie über die bösesten Verteidiger. Ist das eigentlich sexistisch, wenn ein Mann nur auf sein Aussehen reduziert wird? Wer ist eigentlich Cathy Hummels? Wir können solche Fragen offen besprechen, denn Hans schläft auf dem Sofa. „Alle aus meiner Klasse dürfen das Spiel gucken.“ Klar doch. Morgen früh lernen wir dann die Torschützen.

Die gute EM-Nachricht: Unsere Söhne sind vom Sammelwahn genesen. Früher haben wir Supermärkte im Umkreis von 100 Kilometern abgefahren, um fehlende Kickerbildchen aufzutreiben, die exakt in der Sekunde des Finalabpfiffs reif für den Kellerkarton waren.

Spannende Frage: Sind Kinder von Natur aus fußballverrückt? Unsere nicht. Die Wahrheit lautet eher: Väter in der Midlife-Crisis, die an Job, Familie und Leben leiden, entdecken aus lauter nostalgischer Verzweiflung den alten Heimatverein wieder, zwängen sich in alberne Drittligisten-Hemdchen und lernen die Mannschaftsaufstellung von damals. Kinder, bevorzugt Söhne, werden mit der Einstiegsdroge Sammelbildchen angefixt, mit sündteuren Fußballschuhen und Trikots gefügig gemacht und daheim verbotenen zuckerhaltigen Limos in Stadien oder Fankneipen korrumpiert, damit die Chefin den Eindruck gewinnt, Vater und Kind hätten ein gemeinsames Hobby.

Chips statt Karottensticks

Schon seltsam. Bedenkliche Grammatik, Leistungskontrolle, Disziplin, Spucken, Fluchen, Treten, Auslese, Kampf bis aufs Blut – was anständige Helikoptereltern verabscheuen, ist beim Fußball okay. Alles ist anders in diesen Tagen, auch die Ernährung. Wir haben es mit Karottensticks vor dem Fernseher versucht. Chips bestünden ja aus Kartoffeln, hat Hans entgegnet und gehungert. Früher kamen wir pro Halbzeit mit einer großen Tüte hin, aber die Diversifizierung im Knabberregal erfordert inzwischen vier Beutel.

Bin ich altmodisch, weil ich mich nach Uwe Seeler und Gerd Müller zurücksehne? „Wer ist das denn?“, fragen die Jungs. Ich habe über Jahre versucht, die beiden mit Heldengeschichten von Preußen Münster zu erziehen, insbesondere der einen aus dem Jahre 1976, als Preußen (mit Benno Möhlmann) in der zweiten Liga 4:1 gegen Borussia Dortmund (mit Mirko Votava) gewann. Kaczor, Jank, Karbowiak, Blau – so hießen unsere Torschützen damals. Die Jungs können unregelmäßige lateinische Verben besser behalten.

Man erwischt die falschen Gäste

Früher haben wir uns manchmal Gäste zum Fußballgucken eingeladen. Aber man erwischt schnell die Falschen. Kollege Lars betet zur Hymne die Länderspieleinsätze jedes Kickers herunter, dazu Linksfußneigung und Torquotienten. Ich beschränke mich auf Evergreens wie „Deutschland ist eine Turniermannschaft“ oder „Das wird Özils Spiel“ oder „Dafür, dass er bei Bayern spielt, ist Thomas Müller okay“. Meine Jungs nicken ergeben.

Die Chefin fragt, wann Elfmeterschießen endlich anfängt. Kurzreferate zur Regelkunde habe ich aus Gründen des Eheglücks aufgegeben. Hans schläft tief. Karl hat sich unter die Kopfhörer verkrochen, die Chefin blättert in einer Achtsamkeitszeitschrift. Wir müssen an unserer Fankultur arbeiten.

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