Politik

Eine Mammutaufgabe

Die Forderung nach Chancengleichheit ist leicht dahingesagt – aber ein Kraftakt

Chancengleichheit ist die Vorstellung von einer gerechteren Gesellschaft. Es ist der Traum davon, dass es jeder schaffen kann, wenn er nur will und kann. Und dass er nur nach seiner individuellen Leistung beurteilt wird. Nicht nach seinem Namen, Geschlecht, Aussehen, seiner Familie, Religion oder Abstammung.

Wenn der aktuelle Bildungsbericht wieder einmal bemängelt, dass es in Deutschland beim Bildungserfolg vor allem auf die soziale Herkunft ankommt, müsste eigentlich jedem klar sein, dass Ausbildung von sozialer Herkunft entkoppelt werden muss: Wenn das Ziel wirklich Chancengleichheit sein soll. Doch wie soll das eigentlich gehen? Studien belegen, dass Kindern aus oberen Schichten bis zur Einschulung bereits 1700 Stunden lang vorgelesen wird, während dies beim Unterschichtennachwuchs nur zu einem Bruchteil, etwa 30 Stunden, passiert. Das spiegelt sich in Wortschatz und IQ wider. Wie soll eine Schule oder Bildungseinrichtung nur diesen einen Vorsprung ausgleichen? Abgesehen von musikalischer Frühförderung, privaten zweisprachigen Kindergärten, Tanz- und Sportangeboten.

Die Autoren des Bildungsberichts veranschlagen etwa drei Milliarden Euro für die Ausbildung der in 2015 nach Deutschland Geflüchteten. Sie sollen mehr Sprachkurse erhalten und besser gefördert werden, um besser in den Arbeitsmarkt integriert werden zu können. Dabei zeigt die Studie eindrucksvoll, dass Migrationshintergrund nicht gleich sozial schwach bedeutet. Die Menschen mit Migrationshintergrund haben ihren Bildungsstand in den vergangenen zehn Jahren verbessert. Ein Beleg dafür, dass sich die Kosten für die Integration mittelfristig auszahlen.

Doch dieses Geld ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um Bildung und Erfolg insgesamt und nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund wirklich gerechter zu verteilen, muss möglichst viel in die staatliche Bildung investiert werden. Wie groß schon jetzt die Unzufriedenheit mit dem staatlichen Angebot ist, zeigt auch die Tatsache, dass Schulen in freier Trägerschaft auf dem Vormarsch sind. Bundesweit hat sich die Zahl der privaten allgemeinbildenden Schulen seit 2004 um 33 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum verringerte sich die Zahl der öffentlichen Schulen um 18 Prozent. In der Regel sind die privaten Schulen kleiner und bieten ein besonderes Profil. Leicht ist die Frage zu beantworten, wer seine Kinder zu Privatschulen schickt – die meisten dieser Schulen verlangen ein Schulgeld: die Besserverdiener.

Um zu verhindern, dass die Schere in der Bildung weiter auseinander driftet, muss das System opulenter ausgestattet werden. Angefangen bei den Erziehern in den Kitas. Gemäß ihrer Verantwortung und ihrem Bildungsauftrag ist ihr Salär zu gering. Zudem ist der Betreuungsschlüssel zu hoch. Ein Kind zu fördern und individuell zu stärken, dazu bedarf es mehr als einer Betreuerin für zehn, elf Kinder, die, wenn die Kollegin Urlaub hat oder krank ist, plötzlich für 20 zuständig ist. Gleiches gilt für die Schulen. Positiv: Es gibt immer mehr Ganztagsschulen. Aber werden die Kinder am Nachmittag nur verwahrt oder gefördert? Wir brauchen kleinere Klassen und aufmerksame Lehrer, die zum bewundern sind. Denn jeder weiß, ein Vorbild kann das Leben ändern.

Chancengleichheit ist die Mammutaufgabe unserer Gesellschaft. Sie sorgt für sozialen Frieden und eine stabile Demokratie. Nur die Forderung danach, alle zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Bildungsberichts, ist zu wenig.